Bei 35mm drückt man den Auslöser – und weiß danach einfach nicht, was drauf ist. Kein Display, keine Vorschau, kein sofortiges Urteil. Bei meinen ersten Filmen hat es zwei Jahre gedauert, bis ich das erste Mal sehen konnte, was da überhaupt drauf ist. Wir sind so verwöhnt vom sofortigen Ergebnis, dass man vergisst, wie es sich anfühlt, es einfach nicht zu wissen.

Blindflug im Wechselsack

Die erste große Herausforderung besteht darin, den Film in vollkommener Dunkelheit aus der Dose raus und in den Entwicklungstank zu bekommen. Nach dem Lesen diverser Anleitungen habe ich alle Materialien in meinen Wechselsack gelegt und begonnen. In meinem Kopf und der Theorie konnte das nicht so schwierig sein. Die Realität sieht meistens etwas anders aus.

Allein das Öffnen der Dose – ich habe kein extra Werkzeug gekauft, einfach einen Flaschenöffner genommen – gestaltete sich in der Dunkelheit schwieriger als gedacht. Mehr Sorgen bereitete mir das Abschneiden der Lasche, die jeder Film hat. Spoiler: alle Finger noch an ihrem Platz.

Wie bei so vielen Sachen braucht es einfach Übung. Ich wollte direkt zwei Filme entwickeln, und beim zweiten ging es bereits etwas einfacher. Weit weg von Perfektion, aber schneller als nach Rolle eins gedacht.

Der erste kleine Supergau

Den bemerkte ich direkt, nachdem ich alles aus dem Wechselsack rausgeholt hatte. Beim Aufräumen der aufgebrochenen Filmdosen konnte ich meinen Augen kaum trauen: Ich hatte zwei unterschiedliche Filme in die Entwicklungsdose gepackt – einen mit ISO 100 und einen mit 400. Zu beheben war das nun nicht mehr, da ich nicht mal sagen konnte, welcher welcher war. Und im Dunkeln sehen kann ich leider nicht.

Nach einiger Recherche: vertretbar. Nicht ideal, aber für die ersten beiden Testfilme in Ordnung. Vor allem weil schwarz-weiß da etwas mehr verzeiht als ich zunächst dachte. Learning by doing – künftig werde ich mehr drauf achten. Oder einfach weniger unterschiedliche Filme verwenden.

20 Grad – leichter gesagt als eingestellt

Das Wasser auf die richtige Temperatur zu bekommen war schwieriger als gedacht. Ich habe den Wasserhahn so lange nachjustiert, bis ich selbst nicht mehr wusste, wie viel Wasser ich schon verbraucht hatte. Irgendwann klappte es. Das Abmischen der Chemikalien war beinahe noch die einfachste Aufgabe. Und dann: Timer an, in regelmäßigen Abständen den Tank rotieren, Chemie raus, spülen, Fixierer rein. Der Prozess selbst ist eigentlich nicht mehr so kompliziert – man muss sich nur einmal durchbeißen.

Entwicklungschemikalien, Messbecher und Entwicklungstank auf einer Holzarbeitsplatte
Rodinal, Fixierer, Messbecher, Tank – mehr braucht es eigentlich nicht.

Die ersten selbst entwickelten Bilder

Die Spannung stieg mit jeder verstreichenden Minute. Dann der große Moment: Tank auf, Negative raus. Mit Wäscheklammern am Duschvorhang aufgehängt, zum ersten Mal ein Blick drauf.

Ich war begeistert – nicht wegen der Motive oder der technischen Qualität, sondern weil man das eingefangene Licht selbst sichtbar gemacht hat. Ohne Pixel, ohne Laptop.

Aufgehängte Negative sind erst der Anfang. Ohne Scanner bleibt das Bild ein Negativ – sichtbar, aber nicht wirklich greifbar. Mit dem iPhone auf dem iPad abfotografiert, Lightroom, Negativ umkehren – und plötzlich sieht man zum ersten Mal das eigentliche Bild. Das ist nochmal ein eigener Moment.

Schwarzweißfoto mit zufälliger Doppelbelichtung aus der ersten analogen Filmentwicklung
Nicht geplant, nicht erwartet – und trotzdem das interessanteste Bild der ersten Rolle.

Und dann nach dem Scannen das erste Bild am Bildschirm: die Artefakte, die Unschärfen, so unperfekt, dass es grandios aussieht. Irgendwie alt, wie aus einer anderen Zeit. Das Portrait meines Bruders. Eine Doppelbelichtung die ich gar nicht geplant hatte und die trotzdem funktioniert.

Es fühlt sich ganz anders an als ein gutes Bild in Lightroom. Der Weg von der Idee, dem Willen das durchzuziehen, bis zum fertigen Negativ – das ist etwas anderes. Und dieses Nicht-Wissen, was überhaupt drauf ist, macht es noch besser.

Die beiden Filmrollen aus den USA warten bereits im Tank. Dieses Mal mit den richtigen ISO-Werten zusammen. Ich freue mich.

Die ersten Ergebnisse