Corporate, Politik, Reportage, Oktoberfest

Jan Saurer fotografiert München – und München fotografiert zurück. Seit Jahren ist der Fotograf, bekannt unter dem Namen Monacoshots, mit der Kamera in seiner Stadt unterwegs. Seine Auftraggeber reichen von Siemens bis zur Stadtpolitik, vom Tierpark Hellabrunn bis zur Münchner Sicherheitskonferenz. Was ihn antreibt, ist immer dasselbe: der Mensch hinter dem Moment.

Q Deine Kunden reichen von Siemens über Olaf Scholz bis hin zum Oktoberfest. Was verbindet diese Jobs – gibt es überhaupt einen roten Faden?

Ich glaube, der einfachste rote Faden ist, dass am Ende alles mit Menschen zu tun hat. Ich mag Menschen sehr gern und fotografiere sie am liebsten in ihrer gewohnten Umgebung, weil man das später auch in den Bildern spürt. Egal ob Politik, Unternehmen oder Oktoberfest – Menschen wirken authentischer, wenn sie sich in einem Raum bewegen, der zu ihnen gehört.

Q Politische Fotografie bedeutet oft: eine Sekunde, kein zweites Mal. Wie bereitest du dich auf Situationen vor, die du nicht kontrollieren kannst?

Ich versuche gar nicht, alles kontrollieren zu wollen – eher, maximal vorbereitet zu sein, damit ich im entscheidenden Moment intuitiv reagieren kann. Gerade in der politischen Fotografie passiert das Wesentliche oft zwischen den offiziellen Momenten: ein Blick, eine Geste, ein kurzer Kontrollverlust. Dafür muss die Technik und Fingerfertigkeit sitzen, aber vor allem die Aufmerksamkeit.

Q Du hast ein Leibovitz-Zitat auf deiner Seite – "Ich fotografiere alle, die ich kenne." Was bedeutet das für dich konkret, wenn der Kunde jemand ist, den du gerade erst getroffen hast?

Für mich bedeutet das Zitat nicht unbedingt, dass ich Menschen schon lange kennen muss. Eher, dass ich versuche, innerhalb kurzer Zeit eine echte Verbindung aufzubauen. Auch wenn ich jemanden gerade erst treffe, interessiert mich zuerst die Person hinter der Rolle oder dem Auftrag. Ich glaube, gute Portraitfotografie entsteht dann, wenn sich jemand gesehen fühlt – nicht nur fotografiert. Deshalb versuche ich, aufmerksam zuzuhören, Stimmung wahrzunehmen und eine Atmosphäre zu schaffen, in der Natürlichkeit entstehen kann. In dem Moment kenne ich die Person vielleicht noch nicht lange, aber ich begegne ihr trotzdem mit echter Neugier.

Q Corporate-Fotografie hat den Ruf eher steril zu sein. Du sagst emotionales Storytelling. Wie bringst du das in einen Auftrag, wo der Kunde klare Erwartungen hat?

Ich versuche, potenziellen Partner von Anfang an verschiedene Möglichkeiten zu zeigen, wie man einen vielleicht zunächst eher klassischen oder sterilen Wunsch moderner und emotionaler umsetzen kann. Das kann bei authentischeren Mitarbeiterportraits anfangen und bis zu lebendigen Kampagnenmotiven gehen. Mir ist wichtig, dass Bilder professionell wirken, aber trotzdem menschlich & authentisch bleiben. Nicht jedes Bild muss perfekt sein, aber es muss glaubwürdig sein.

Q München ist deine Stadt und gleichzeitig dein größter Auftraggeber. Was siehst du an München was andere übersehen?

Viele sehen in München nur die schöne Oberfläche. Mich interessieren eher die kleinen Momente dahinter – die Ruhe am Morgen, die Eigenheiten der Menschen, die Kontraste zwischen Tradition und Moderne. Das macht die Stadt für mich lebendig.

Q Was war das schwierigste Shooting – technisch, menschlich oder aus welchen Gründen auch immer?

Die schwierigsten Shootings sind oft gleichzeitig die interessantesten. Wenn erstmal Chaos herrscht oder man komplett überfordert ist, bringt Panik nichts. Dann hilft es, kurz einen Schritt zurückzugehen, die Situation neu zu sortieren und sich daran zu erinnern, warum man eigentlich dort ist und was man zeigen möchte.

Nicht jedes Bild muss perfekt sein, aber es muss glaubwürdig sein.
Jan Saurer

Q Du fotografierst das Oktoberfest jedes Jahr – dasselbe Event, immer wieder. Wie schaffst du es nach all den Jahren noch frische Bilder zu machen, die sich nicht wiederholen?

Ich glaube, Wiederholung entsteht nur, wenn man aufhört hinzuschauen. Auf der Wiesn passieren jedes Jahr tausende neue kleine Geschichten – man muss nur aufmerksam bleiben… diese Emotionen, Menschen und Momente sind einzigartig und genau deshalb sind die Wiesn aber auch die Sicherheitskonferenz tatsächlich meine fotografischen Highlights im Kalender – zwei komplett unterschiedliche Welten, die beide unglaublich viel erzählen.

Q Welches Bild – von dir oder von jemand anderem – hat dich zuletzt wirklich getroffen, und warum?

Ich konsumiere ständig Bilder – digital wie print. Selbst wenn ich keine Zeit habe, verliere ich mich oft in Referenzen oder Bildstrecken zu bestimmten Themen. Gerade weil ich aktuell viel im politischen Kontext arbeite, beschäftigt mich die Arbeit von Florian Gaertner aus Berlin sehr. Er hat eine Langzeitbelichtung von Friedrich Merz und Lars Klingbeil gemacht, die mich wirklich beeindruckt hat. Das Bild ist kreativ, aber gleichzeitig total dokumentarisch und präzise. Vor so einer Arbeit kann man eigentlich nur den Hut ziehen.

Q Was sollen Menschen fühlen, wenn sie deine Arbeit sehen?

Jeder soll natürlich fühlen und sehen, was er selbst darin erkennt – da möchte ich mich gar nicht zu sehr einmischen. Aber grundsätzlich versuche ich, jedem Menschen mindestens ein Bild mitzugeben, das er beim nächsten Familientreffen stolz seiner Oma zeigen kann. Wenn das passiert, hab ich meinen Job, glaub ich, ganz gut gemacht.