Geduld ist die wichtigste Tugend in der Wildlife-Fotografie. Und man braucht Glück. Bei meinem ersten Ausflug hatte ich beides. Doch am Ende waren die Bilder dennoch nur nebensächlich.
Schon vor einigen Jahren hatte ich mir ein 70-300mm zugelegt. Eingesetzt wurde es nur sporadisch – entweder fehlte die Zeit, um sich wirklich auf die Lauer zu legen, oder dann die Geduld vor Ort.
Das hielt mich aber nicht davon ab, den Traum weiterzuverfolgen. Das 70-300 wäre hierfür sicherlich ausreichend gewesen. Aber so ein richtiges Teleobjektiv hat schon was. Also folgte eine „kleine" Erweiterung: Ein 150-600.
600mm – Bitte noch ein Stück zurück
Wer schonmal ein Teleobjektiv in der Hand hatte, weiß: es fühlt sich einfach cool an. Das Ausmaß und wie weit man mit 600mm kommt, ist beeindruckend. Allerdings sind Packmaße und Gewicht dementsprechend – also dauerte es etwas, bis das Objektiv zum ersten Einsatz kam.
Ein Besuch bei meiner Familie in Südtirol war der ideale Zeitpunkt. Wald und Wild vor der Haustür. Und ein guter Freund hatte gerade seinen Jagdschein gemacht – wer wüsste besser, wo man Wildtiere findet. Bis zum verabredeten Zeitpunkt habe ich das Objektiv zweckentfremdet und für Portraits benutzt. Mit 600mm braucht man etwas mehr Abstand – aber die Ergebnisse waren viel besser als erwartet. Bitte noch ein Stück zurück.
Malerischer Sonnenaufgang
Wir trafen uns um 4 Uhr morgens und machten uns auf den Weg zu einem Hochsitz. Die Luft war frisch, die Dämmerung setzte ein. Im Unterstand bequem gemacht, und dann hieß es: schweigen und beobachten. Über den Berggipfeln im Horizont stieg langsam die Sonne hoch – einer der schönsten Sonnenaufgänge, die ich je gesehen habe. Natürlich direkt festgehalten.
Ansonsten passierte erstmal gar nichts. Hin und wieder ein Vogel. Mein Kumpel nutzte die Zeit, um mir mehr über die Tiere und das Revier zu erzählen. Gefühlt kannte er jeden Vogel und jeden Grashalm. Und dann entdeckte er etwas.
Die hinkende Gams
Auf der Lichtung erschien eine Gams. Sofort den Sucher angesetzt, erste Bilder gemacht. Ich wollte mich beeilen – man weiß ja nie, wie lange die Tiere verweilen.
Die Sorge erwies sich als unbegründet. Wir merkten schnell: dieses Exemplar ist verletzt und hinkt stark. Eine schnelle Flucht erschien sehr unwahrscheinlich. Ideal für mich – ich bekam Zeit, in Ruhe zu arbeiten. Gefühlt ist die Gams 15-20 Minuten vor uns auf der Lichtung herumspaziert.
Irgendwie zwiegespalten war ich schon. Das Tier hinkt, und ich freue mich über die Foto-Gelegenheit. Mein Kumpel hat das pragmatisch gesehen: passiert, entweder erholt sie sich oder die Natur regelt das früher oder später. So ist das halt. Ich habe es akzeptiert und weiter fotografiert. Auch das gehört dazu.
Wo Hase und Fuchs sich gute Nacht sagen
Richtig angefixt, bin ich abends nochmal hinters Haus in den Wald. Und ich war überrascht: innerhalb kürzester Zeit traf ich auf ein Reh, einen Hasen – der plötzlich aus dem Gebüsch vor mir sprang – und einen Fuchs, der etwas abseits davon dem Hasen aufgelauert hat. Drei Tiere, alle bei bester Gesundheit, alle sehr schnell. Was morgens super geklappt hatte, war abends eine andere Herausforderung. Nach einigen Versuchen habe ich aufgegeben – auch wegen der knapp drei Kilo im Anschlag, die Objektiv und Kamera auf die Waage brachten – und stattdessen das Schauspiel neugierig beobachtet.
Und dennoch: ein unglaublicher Tag. Weniger wegen der Bilder – die sind ok, aber am Ende das Unwichtigste. Es war von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang ein Beispiel für das, was Fotografie für mich ist: unterwegs, mit Freunden, einzigartige Momente erleben, die ich auch ohne auszulösen für immer gespeichert habe.
Was der Wald so hergibt