Fußball, Basketball, Handball, Pressefotografie
Oliver Baumgart fotografiert Sport — mit einer Consumer-DSLR angefangen, seit 2012 mit seiner Bildagentur Hansepixx als Pressefotograf bei Spielen und Sportveranstaltungen in ganz Deutschland unterwegs. Bundesliga, Länderspiele, Europameisterschaften — immer auf der Suche nach dem entscheidenden Moment. Privat gilt seine Leidenschaft der Entschleunigung: Landschaften, Architektur, und Flugzeuge — für die er sogar eine eigene Seite betreibt.
Q Du hast mit einer Consumer-DSLR und Sportautomatik angefangen – und bist Bundesliga-Fotograf geworden. Was war der entscheidende Schritt zwischen Hobby und Profi?
Eigentlich war es nie mein Plan, das Fotografieren beruflich zu machen. Ich hatte einfach Spaß daran und habe meine Fotos damals noch in Bildergalerien auf Facebook gepostet. Irgendwann kam dann plötzlich die erste Anfrage einer Redaktion. Da dachte ich mir: Warum eigentlich nicht versuchen, mit den eigenen Bildern Geld zu verdienen?
Ich habe mir dann gezielt Themen gesucht, die die Medien zwar brauchen, die aber kaum jemand fotografiert. Gleichzeitig habe ich mein Equipment nach und nach verbessert und ausgebaut. Am Ende war es eher ein schleichender Prozess: Man macht weiter, wird besser, bekommt mehr Anfragen – und irgendwann stellt man fest, dass man von den Einnahmen regelmäßig seine Miete bezahlen kann (lacht).
Q Sportfotografie bedeutet: du musst liefern, egal ob Regen, schlechtes Licht oder schlechtes Spiel. Wie gehst du damit um, wenn nichts funktioniert?
Ganz ehrlich: Diese Situation darf es einfach nicht geben (lacht). Und inzwischen gibt es sie bei mir auch nahezu nicht mehr, weil ich aus jedem Ausfall gelernt habe. Wenn irgendwo ein Problem auftritt, überlege ich mir hinterher sehr genau, ob und wie ich verhindern kann, dass mich genau dieses Problem noch einmal nervt.
Ich habe immer mindestens eine weitere Kamera dabei, mobiles Internet von verschiedenen Anbietern und alles, was kaputtgehen oder verloren gehen kann, ist mehrfach vorhanden: Speicherkarten, Akkus, Kartenleser, Kabel und so weiter.
Auch vor dem Wetter kann man sein Equipment recht gut schützen. Ich erinnere mich zum Beispiel an ein Fußballspiel bei der Frauen-Europameisterschaft 2017 in den Niederlanden. Da waren wir in Rotterdam beim Viertelfinale zwischen Deutschland und Dänemark. Plötzlich hat es innerhalb kürzester Zeit so massiv geregnet, dass im gesamten Stadion das Wasser knöchelhoch stand. Verzweifelt wurde versucht, das Spielfeld von den Wassermassen zu befreien, was natürlich tolle Fotomotive geliefert hat. Fußball konnte an diesem Abend zwar leider nicht mehr gespielt werden, denn das Spiel fiel buchstäblich ins Wasser. Aber Bilder habe ich trotzdem liefern können.
Ein anderes Mal gab es ein Testspiel der Bundesligamannschaft des SV Werder Bremen bei einem kleinen Dorfclub auf dem Land. Dort war in Sachen Handynetz absolut nichts zu machen. Also habe ich mich in der Halbzeit mit meinem Laptop ins Auto gesetzt, bin in den nächstgrößeren Ort gefahren, habe von dort aus meine Bilder verschickt und bin dann zurück zum Platz gefahren, um den Rest des Spiels zu fotografieren (lacht).
Ein schlechtes, einseitiges oder langweiliges Spiel ist dagegen nie wirklich ein Problem. Egal ob Bundesliga oder Kreisliga: Gute Motive liefert einem jedes Spiel. Nur das Tempo und die äußeren Bedingungen sind eben andere.
Q An einem Tag Bundesliga vor 40.000, am nächsten Dorfsportplatz mit 17 Besuchern. Was magst du lieber – und warum?
Inzwischen ist mir fast der Dorfsportplatz lieber. Natürlich ist es etwas Besonderes, bei einem Spitzenspiel der Bundesliga direkt am Spielfeldrand zu sitzen. Dieser Zauber nutzt sich aber auch relativ schnell ab, schließlich ist man am Ende des Tages ja zum Arbeiten dort. Mit Fotoromantik hat das wenig zu tun.
Bei den kleinen Vereinen auf dem Dorf ist vieles familiärer, entspannter, ruhiger und meist nicht so top durchorganisiert, wie ein Bundesliga- oder Länderspiel. Auch das Arbeiten am Spielfeldrand ist oft lockerer, weil nicht so viel reglementiert ist. Man kann sich beispielsweise freier bewegen als in einem Bundesliga-Stadion, steht auf der Heimfahrt nicht im Stau und die Bratwurst schmeckt oft auch besser.
Q Der entscheidende Moment im Sport dauert oft eine Zehntelsekunde. Wie viel davon ist Vorbereitung, wie viel Instinkt?
Statt von Vorbereitung würde ich eher von Erfahrung sprechen. So unterschiedlich Spiele auch sind: Bestimmte Situationen ähneln sich immer wieder. Mit den Jahren geht einem vieles in Fleisch und Blut über. Gleichzeitig gehört natürlich auch Instinkt dazu. Man versucht, Situationen möglichst früh zu antizipieren. Anders als zum Beispiel in der Porträtfotografie bestimmt im Sport in der Regel nicht der Fotograf das Motiv, sondern die Akteure auf dem Spielfeld.
Auch Fachwissen hilft dabei manchmal. Ich habe einmal einen Schiedsrichterschein gemacht, und das kann durchaus nützlich sein. Man erkennt zum Beispiel früher, dass in einer bestimmten Szene eine rote Karte kommen könnte.
Ein weiteres Beispiel: 2015 habe ich das DFB-Pokalspiel zwischen dem VfL Osnabrück und RB Leipzig fotografiert. Dort wurde rund 20 Minuten vor Schluss der Schiedsrichter von einem Feuerzeug am Kopf getroffen, das von der Tribüne geworfen wurde. Während sich viele Fotokollegen fragend ansahen, was jetzt wohl passieren würde, wusste der Schiedsrichter in mir: Eigentlich kann es nur einen Spielabbruch geben. Als der dann verkündet wurde, fingen alle hektisch an zu fotografieren, während ich meine Bilder schon auf den Weg gebracht hatte.
Inzwischen ist mir fast der Dorfsportplatz lieber.
Q Neben Fußball auch Basketball und Handball – jede Sportart hat eine andere Dynamik. Was verändert sich in deinem Kopf, wenn du die Sportart wechselst?
Eigentlich gar nicht so viel, weil sich auch der Arbeitsablauf nicht grundlegend verändert. Handball und Basketball sind aus meiner Sicht sehr dynamische und schnelle Sportarten mit nahezu keinem Leerlauf. Aber auch im Fußball darf man während des Spiels nicht abschalten, weil jederzeit etwas Entscheidendes passieren kann.
Als ich neben dem Fußball angefangen habe, andere Sportarten auszuprobieren, war ich tatsächlich überrascht, wie ähnlich sich das Fotografieren am Ende dann doch anfühlt. Die Abläufe, das Beobachten, das Antizipieren: vieles ist vergleichbar.
Bei Indoor-Sportarten kommen eher technische Herausforderungen dazu. Leider hat nicht jede Sporthalle ein TV-taugliches Licht. Man arbeitet also häufiger mit hohen ISO-Werten und schwierigen Weißabgleichen. Dafür ist man aber wenigstens vor Wind und Wetter geschützt (lacht).
Q KI und intelligenter Autofokus verändern die Sportfotografie gerade massiv. Was bedeutet das für deinen Job – macht es ihn einfacher oder nimmt es etwas weg?
KI nutze ich bisher eher für organisatorische Dinge als für das Fotografieren selbst. Ich lasse mich zum Beispiel beim Erstellen von Kaderlisten unterstützen, die ich für das Beschriften meiner Bilder brauche. Was früher schnell mal eine halbe Stunde Arbeit war, geht heute teilweise in wenigen Sekunden. Das ist schon ein enormer Fortschritt.
An der Kamera greife ich gern mal auf den Augen-AF zurück, wobei das ja inzwischen auch längst kein Neuland mehr ist. Darüber hinaus fotografiere ich tatsächlich weitgehend KI-frei. Für mich ist KI im Moment vor allem ein Werkzeug, das Prozesse beschleunigt und Arbeit abnimmt, die mit dem eigentlichen Fotografieren nur indirekt zu tun hat.
Q Du fotografierst auch privat viel und komplett andere Bereiche als Sport. Was gibt dir das, was die Sportfotografie nicht kann?
Vor allem Entschleunigung. Wenn ich ein architektonisch interessantes Gebäude oder eine Statue sehe, kann ich mir in Ruhe den besten Blickwinkel suchen und auch mal mit verschiedenen Belichtungen spielen. Das geht im Sport nicht. Da ist das Motiv oft nach Sekundenbruchteilen weg und kommt genau so auch nicht wieder.
Ein zweiter Punkt ist die Bildbearbeitung. Meine Sportbilder sollen die Situation natürlich möglichst originalgetreu wiedergeben. Bei meinen privaten Fotos kann ich dagegen freier experimentieren, ein Bild zum Beispiel in Schwarz-Weiß gestalten oder es bewusst auf eine bestimmte Farbe reduzieren.
Q Welches Bild hat dich am meisten gekostet – Geduld, Druck, Nerven?
Offen gesagt finde ich Spiele besonders anstrengend, bei denen am Ende ein Titel vergeben wird. Die Emotionen danach liefern zweifellos tolle Motive und starke Bilder. Gleichzeitig muss man sich aber wirklich disziplinieren, diese Bilder auch zeitnah zu verschicken. Es bringt niemandem etwas, wenn man versucht, wirklich alles mitzunehmen, die Fotos aber erst Stunden später in den Redaktionen ankommen.
Man sammelt in solchen Momenten eben nicht nur tolle Bilder, man hat auch einen Job zu erledigen. Dieser Spagat zwischen „Dieses Foto nehme ich noch mit“ und „Jetzt muss ich aber auch mal etwas verschicken“ fällt mir manchmal schwer.
Ansonsten sollte man sich nicht zu viel Druck machen. Wenn man ein Foto nicht hat, weil man gerade Bilder bearbeitet hat, ein Spieler im Weg stand oder man schlicht einen Moment verpasst hat, dann ist das zwar ärgerlich, aber halt auch nicht mehr zu ändern. Wenn man sich zu lange damit beschäftigt, ist man nur abgelenkt und verpasst womöglich direkt den nächsten Moment. Man muss sich damit abfinden, dass man besonders beim Fußball mit seinem riesigen Spielfeld ohnehin nicht alles erwischen kann.
Q Welches Bild – von dir oder von jemand anderem – hat dich zuletzt wirklich getroffen, und warum?
Ich komme aus Bremen und bin entsprechend oft bei den Heimspielen des SV Werder Bremen im Weserstadion im Einsatz. Was Werders Club-Fotograf Peter Balthazaar rund um diese Spiele mit der Kamera macht, ist schon sensationell.
Er schafft es, sowohl das Geschehen auf dem Platz als auch die Emotionen im Team und auf den Rängen sehr nah zu transportieren. Dazu kommen immer wieder besondere Perspektiven und starke Stillleben aus dem Stadion. Seine Bilder schaue ich mir definitiv sehr gern an.
Q Was sollen Menschen fühlen, wenn sie deine Arbeit sehen?
Als Pressefotograf muss ich natürlich in erster Linie das liefern, was in den Medien benötigt wird. Das ist zunächst einmal eine Aufgabe, die zuverlässig erledigt werden muss.
Auf meiner Webseite stelle ich die Bilder aber auch in Galerien für jedermann zum Anschauen online. Dort möchte ich mit meinen Bildern das Geschehen auf und neben dem Platz auf die Displays der Besucherinnen und Besucher bringen, und zwar aus einer Perspektive, die der normale Fan in der Regel nicht hat. Idealerweise erkennen sich die Menschen darin wieder, erleben einen Moment noch einmal oder bekommen einen Blick auf etwas, das ihnen vor Ort vielleicht entgangen ist.