Wildtierfotografie, Alpentiere, Landschaft

Nicole Mettler ist 2002 in Zürich geboren und in den Alpen aufgewachsen. Mit 16 eine Kamera, ein Wiedehopf im Garten – und seitdem lässt sie die Wildtierfotografie nicht mehr los. Heute liegt sie für ein Birkhuhn stundenlang bei minus zwölf Grad im Schnee, studiert Biologie, absolvierte eine Safari-Guide-Ausbildung in Südafrika und gibt Kurse bei Nikon School CH. Ihre Bilder wurden international ausgezeichnet – unter anderem bei GDT Naturfotograf des Jahres und Bird Photographer of the Year.

Q Du hast mit 16 deine erste Kamera bekommen – und dann war es ein Wiedehopf im eigenen Garten der wirklich alles ausgelöst hat. Was war in diesem Moment anders als bei allen Vögeln davor?

Parallel zu meinen ersten Schritten in der Fotografie behandelten wir in der Schule gerade das Thema Vögel. Zum ersten Mal wurde mir bewusst, wie viel Vielfalt direkt vor unserer Haustür existiert. Plötzlich sah ich eine Vielfalt an Vögeln, die ich vorher nie wahrgenommen hatte.

Der Wiedehopf war dann der entscheidende Moment. Bis dahin hatte ich diese Art nur auf einer Reise nach Namibia gesehen. Als plötzlich ein Wiedehopf bei uns im Garten landete, konnte ich es kaum glauben. Hier in der Schweiz, ausgerechnet vor meiner Haustür. Der Wiedehopf ist bei uns selten und in meiner Region meist nur auf dem Durchzug zu beobachten. Diese Begegnung hat mir gezeigt, dass außergewöhnliche Naturerlebnisse nicht irgendwo am anderen Ende der Welt stattfinden müssen. Manchmal beginnen sie direkt vor der Haustür. Das war letztlich der Auslöser für alles, was danach kam.

Q Du fotografierst hauptsächlich Wildtiere in den Alpen. Was fasziniert dich an Tieren als Motiv – was können sie zeigen, was Menschen nicht können?

Die Alpen sind mein Zuhause. Was mich an der Wildtierfotografie fasziniert, sind nicht nur die Tiere selbst, sondern auch die Orte, an denen sie leben. Viele alpine Lebensräume sind abgelegen, rau und nur mit viel Zeit und Aufwand erreichbar. Oft verbringe ich Stunden im Aufstieg, übernachte draußen oder sitze lange vor Sonnenaufgang an einem abgelegenen Ort. Dort oben fühlt sich die Natur oft noch ursprünglich und unberührt an – eine Wildnis, die viele Menschen kaum kennen.

Die Tiere sind für mich ein Weg, diese verborgene Welt sichtbar zu machen. Ein Steinbock auf einem Grat, ein Birkhahn während der Balz oder ein Alpenschneehuhn im Winter erzählen immer auch etwas über den Lebensraum, in dem sie leben. Sie zeigen, wie perfekt sie an diese oft harschen Bedingungen angepasst sind

Deshalb versuche ich, Tiere nicht nur als Motiv zu fotografieren, sondern als Teil ihrer Landschaft. Mich interessiert die Geschichte hinter dem Bild: die Beziehung zwischen Tier, Verhalten und Lebensraum. Ein Birkhuhn zeigt nicht nur einen Vogel, sondern auch die Zerbrechlichkeit alpiner Lebensräume. Ein Steinbock erzählt von Anpassung an steiles Gelände, harte Winter und das Leben in einer Welt, die für uns Menschen oft unzugänglich ist.

Q Gibt es ein Tier, das du noch nie fotografieren konntest – und das dich nicht loslässt?

Da gibt es mehrere. Der Auerhahn, der Luchs und der Wolf stehen weit oben auf meiner Liste. Das sind Arten, für die man oft viele Jahre investieren muss, bis sich eine echte Chance ergibt.

Fast genauso beschäftigen mich aber Motive, die eigentlich deutlich häufiger wären. Zum Beispiel Fuchswelpen oder ein Birkhahn im perfekten Gegenlicht während der Balz. Von Birkhühnern habe ich bereits viele Bilder gemacht, aber einen Balzplatz mit genau den Bedingungen habe ich bisher noch nicht gefunden. Oft sind es gerade diese unerfüllten Ideen, die einen motivieren, immer wieder hinauszugehen.

Q Wildlife bedeutet: stundenlang warten, schlechtes Wetter, oft nichts. Was geht dir in diesen Momenten durch den Kopf?

Alles und nichts zugleich. Meist genieß ich diese Momente sogar. Warten, Kälte, Wind oder schlechtes Wetter gehören zur Wildtierfotografie einfach dazu. Für mich bedeutet sie auch, die eigene Komfortzone zu verlassen – früh aufzustehen, lange und anstrengende Aufstiege auf sich zu nehmen, draußen zu biwakieren und manchmal mit wenig Schlaf auszukommen.

Wenn ich draußen in der Natur bin, kann ich aber erstaunlich gut abschalten. Dann denke ich nicht an die Universität oder andere Verpflichtungen. Es geht nur um den Moment, um das Hier und Jetzt. Oft entstehen gerade in diesen ruhigen Phasen neue Ideen für Bilder oder Projekte. Die Kreativität kommt häufig dann, wenn scheinbar gerade nichts passiert.

Kein Bild der Welt ist es wert, ein Tier zu stören.
Nicole Mettler

Q Du hast in Südafrika eine Safari-Guide-Ausbildung gemacht und studierst Biologie. Wie verändert dieses Wissen den Blick durch den Sucher – siehst du anders als jemand der "nur" fotografiert?

Ich verbringe oft genauso viel Zeit mit Beobachten wie mit Fotografieren. Das Verständnis für das Verhalten der Tiere ist für mich einer der wichtigsten Aspekte der Wildtierfotografie. Denn die spannendsten Bilder entstehen häufig dann, wenn man bereits erkennt, was als Nächstes passieren wird.

Wenn ich weiß, welches Verhalten ein Tier wahrscheinlich zeigen wird oder wohin es sich als Nächstes bewegt, kann ich mich entsprechend positionieren und den Moment besser einfangen. Ehrlicherweise habe ich vieles davon nicht an der Universität gelernt, sondern draußen im Gelände durch unzählige Stunden Beobachtung.
A
us der Safari-Guide-Ausbildung habe ich vor allem gelernt, Spuren zu lesen und Tiere über indirekte Hinweise zu finden. Das war wahrscheinlich die wertvollste Fähigkeit, die ich dort mitgenommen habe.

Q Mit 23 bist du bereits Kursleiterin bei Nikon School und mehrfach ausgezeichnet. Fühlt sich das „seltsam“ an – oder ist Alter in der Fotografie einfach irrelevant?

Eigentlich überhaupt nicht. Für mich ist es vor allem ein großes Privileg. Ich freue mich sehr, mit Nikon zusammenarbeiten zu dürfen und meine Begeisterung für Natur und Fotografie mit anderen Menschen zu teilen. Ich glaube nicht, dass das Alter dabei eine entscheidende Rolle spielt. Man kann in jedem Alter von anderen lernen und gleichzeitig eigene Erfahrungen weitergeben. Entscheidend sind Neugier, Leidenschaft und die Bereitschaft, ständig Neues zu lernen.

Q Ethik in der Wildtierfotografie ist ein großes Thema – wo ziehst du die Grenze zwischen dem perfekten Bild und dem Wohlbefinden des Tieres?

Die Grenze ist für mich sehr klar: Sobald ich merke, dass ein Tier mein Verhalten wahrnimmt oder sogar Anzeichen von Stress zeigt, höre ich auf. Kein Bild der Welt ist es wert, ein Tier zu stören. Mit meiner Fotografie möchte ich die Natur so zeigen, wie sie ist – ruhig, authentisch und ungestört. Genau so sollte auch mein Verhalten draußen sein. Deshalb arbeite ich oft mit Tarnung, halte genügend Abstand und passe mich dem Tier an, nicht umgekehrt.

Q Welches Bild hat dich am meisten gekostet – Geduld, Kälte, Nerven?

Ein einzelnes Bild kann ich gar nicht nennen. Besonders die Birkhuhn-Fotografie hat mich viel Geduld und Durchhaltewillen gekostet. Dafür stehe ich oft wochenlang um vier Uhr morgens auf, bin vor dem ersten Hahn am Balzplatz und verlasse ihn erst wieder, wenn der letzte Vogel den Balzplatz verlassen hat. Vor zwei Jahren verbrachte ich mehrere Tage bei Temperaturen von rund minus zwölf Grad im Schnee. Teilweise lag ich vier bis fünf Stunden regungslos in Tarnung. So kalte Hände und Füße hatte ich vorher noch nie erlebt.

Ein anderes Erlebnis war bei den Steinböcken letztes Jahr. Weil die Bahn nicht fuhr, musste ich mit rund 28kg Ausrüstung über 1300 Höhenmeter aufsteigen. Der Aufstieg war hart, aber die Bilder gehörten später zu den besten Steinbockaufnahmen, die ich bisher machen konnte.

Two chamois in the snow
Zwei Gämsen im Schnee – genau die Art von Moment, für den es sich lohnt zu warten. ©Nicole Mettler

Q Welches Bild – von dir oder von jemand anderem – hat dich zuletzt wirklich getroffen, und warum?

Mich berühren vor allem Bilder, die eine besondere Stimmung transportieren, ein außergewöhnliches Verhalten zeigen oder auf kreative Weise entstanden sind. Oft sind es gar nicht die technisch perfekten Aufnahmen, sondern jene, die Emotionen auslösen und eine Geschichte erzählen.

Bei meinen eigenen Bildern haben häufig diejenigen die größte Bedeutung, in die besonders viel Zeit, Geduld und persönliche Erfahrung eingeflossen sind. Sie erinnern mich an die Erlebnisse hinter dem Foto und nicht nur an das fertige Bild.

Q Was sollen Menschen fühlen, wenn sie deine Arbeit sehen?

Vor allem Begeisterung für die heimische Natur. Viele Menschen sind überrascht, wenn ich ihnen erzähle, dass meine Bilder praktisch nur in der Schweiz entstanden sind. Oft ist ihnen gar nicht bewusst, welche faszinierenden Tierarten und Landschaften wir direkt vor unserer Haustür haben. Mit meiner Fotografie möchte ich Menschen dazu anregen, ihre Umgebung bewusster wahrzunehmen und die Natur mit offenen Augen zu erleben. Man muss nicht ans andere Ende der Welt reisen, um besondere Naturerlebnisse zu haben.

Wenn meine Bilder Staunen auslösen und Menschen für einen Moment innehalten lassen, dann habe ich mein Ziel erreicht. Im besten Fall entsteht daraus auch eine stärkere Verbindung zur Natur und der Wunsch, diese Lebensräume zu schützen.