Landschaft, Natur

Eberhard Grossgasteiger lebt und arbeitet in einer der nördlichsten Gemeinden Südtirols – hauptberuflich in der IT, in seiner Leidenschaft ganz der Landschaftsfotografie verschrieben. Seine Bilder wurden auf Pexels und Unsplash milliardenfach aufgerufen, ganz ohne Marketing oder Agentur. Sein Credo: Simplicity – das Wesentliche in der Einfachheit komprimieren.

Q Du hast einen Job in der IT, lebst in einer der nördlichsten Gemeinden Südtirols und deine Fotos auf Pexels/Unsplash wurden milliardenfach aufgerufen. Hast du je damit gerechnet – und was glaubst du macht deine Bilder so universell?

Stimmt, in der zweitnördlichsten Gemeinde (lacht) – nördlicher liegt nur noch die Gemeinde Prettau. Daran gedacht habe ich niemals, klingt abgedroschen, aber wer rechnet schon mit so etwas? Was macht meine Bilder speziell? Niemals übersättigte Farben, Schwarz- und Weißtöne immer gefadet, gedämpfte Lichter, Anhebung des Schwarzpunktes in der Gradationskurve, wenn möglich Komplementärfarben kombinieren.

Q Hast du je daran gedacht, die Fotografie zum Beruf zu machen – und was hat dich davon abgehalten oder dazu gebracht, es als Hobby zu belassen?

Bis jetzt noch nicht. Wenn ich in den beruflichen Ruhestand trete und die IT-Projekte nicht mehr verpflichtend sind, denke ich, den Fokus als "Pensionierungs-Beschäftigung" zu priorisieren.

Q Du sagst du bist süchtig nach Fotografie. Was passiert in dir, wenn du einen Tag nicht fotografieren kannst?

Vor einigen Jahren war es undenkbar, einmal einen Tag nicht zu fotografieren, aber wie alles mit der Routine und dem Alltäglichen hat es an "süchtiger" Wichtigkeit verloren. Ich bin immer noch fasziniert von Fotografie und kann nur mein Motto zitieren: Photography is so incredibly complex, although seemingly simplistic.

Nebelverhangener Dolomitengipfel über herbstlicher Almwiese
Wolken, die sich um den Gipfel legen – nie zweimal dasselbe Bild. ©Eberhard Grossgasteiger

Q Dein Credo ist Simplicity – Vereinfachung als höchste Form der Fotografie. Wie kamst du zu dieser Überzeugung und was bedeutet das konkret, wenn du durch den Sucher schaust?

Ich beantworte das meistens so: "Ein gutes Foto ist ein Foto, das ein Betrachter anschaut, es ihn fasziniert, er aber nicht erklären kann, wieso es ihm gefällt." Es ist die Kunst, nicht nur das zu fotografieren, bei dem andere denken, dass es vom Motiv her schön ist, sondern das Alltägliche, Unbeachtete so zu fotografieren, dass es harmonisch in den Farben und der Aussage wirkt. Das Wesentliche in der Einfachheit zu komprimieren.

Q Du fotografierst ausschließlich Natur und Landschaft – nie Menschen, nie Stadt. Ist das eine bewusste Entscheidung oder einfach das, was dir liegt?

Früher war es bewusst, später wurde ich neugieriger und habe auch Personen und Architektur fotografiert, habe aber gleich verstanden, dass Menschen- oder Streetfotografie in Zeiten der "Super Privacy" viel zu kompliziert und aufwendig wird. Bei jeder zu fotografierenden Person ist deren Einverständnis erforderlich - nichts für mich. Ich denke schon, dass mir speziell die Naturfotografie liegt, ich habe ein besonderes Gefühl für Farben und Bildkomposition.

Q Du lebst umgeben von einer der schönsten Landschaften der Welt. Besteht die Gefahr, dass man das irgendwann nicht mehr sieht – dass das Außergewöhnliche zum Alltag wird?

Nein, ich bezeichne mich immer als kreativen, schönheitsverliebten Pragmatiker, der immer das Einfache im Erfassen der alltäglichen visuellen Umgebung im Fokus hat. Das impliziert, dass das Außergewöhnliche nicht selbstverständlich wird, oder?

Q Gibt es einen Ort, einen Gipfel, ein Tal in Südtirol, zu dem du immer wieder zurückkehrst – nicht weil es der bekannteste ist, sondern weil er dich nicht loslässt?

Wenn ich nachdenke, dann ist es Rein in Taufers, ein Seitental der Gemeinde Sand in Taufers. Die Natur dort ist in irgendeiner Art eine perfekte Symbiose von Bergen, Wald, Jahreszeiten, Wetter, Licht – die jedes Mal anders, immer schön und "moody" ist, aber nie wie bei uns im Ahrntal. Immer wenn ich fotografieren will und keinen Plan habe, dann fahre ich "Rein".

Ein gutes Foto ist ein Foto, das ein Betrachter anschaut, es ihn fasziniert, er aber nicht erklären kann, wieso es ihm gefällt.
Eberhard Grossgasteiger

Q In einem Interview hast du mal gesagt: lieber in ein gutes Objektiv investieren als in ein teures Gehäuse. Was war dein eigener teuerster Fehler beim Equipment?

Definitiv, ein gutes Objektiv ist immer besser als die teuerste oder sehr gute Vollformatkamera. Müsste ich mich entscheiden zwischen einer Profi-Vollformatkamera mit einem Standardzoom oder einer APS-C-Kamera mit einem lichtstarken, teuren Objektiv – weißt du sicher die Antwort? Fotografieren lernt man nur mit lichtstarken Objektiven. Ich habe mit einem Canon 50mm 1.8 damals den Kompromiss gefunden, mich zu perfektionieren. Meine "extremste" Fehlinvestition war sicher der Kauf eines billigen Standardzooms 24-70mm für meine erste Spiegelreflexkamera, eine Canon EOS 70D. Ich denke, es war ein Tamron für ca. 400 Euro neu – grausigste Qualität!

Q KI generiert heute Bergpanoramen auf Knopfdruck. Bedroht das die Landschaftsfotografie – oder ist das eine falsche Frage?

Schwierig, schwierig! Irgendwie denke ich schon, dass KI die Landschaftsfotografie in dem Sinne verdrängt, wie wir sie bis heute wahrnehmen. Vielleicht wird es so sein, dass es spezielle Sparten geben wird – die traditionelle Landschaftsfotografie, mit Beweisen hinterlegt, dass sie nicht KI-generiert wurde, und die KI-Fotos an sich.

Q Mit Narrateography hast du deine Fotos mit Zitaten und Poesie kombiniert – Bild und Wort als gemeinsame Sprache. Wie ist diese Zusammenarbeit entstanden und was gibt dir das, was ein Foto allein nicht kann?

Sagen wir es so: Ich habe tatsächlich meine literarische Seelenverwandte gefunden, meinen fotografischen Ghostwriter – Angie Weiland-Crosby aus Maryland in den USA –, die meine Bilder in Worte und Zitate fassen kann. Wenn ich ihre Zitate lese, die sie zu meinen Fotos schreibt, denke ich immer: genau so habe ich es gedacht, nur kann sie es als Schriftstellerin und Autorin in ihrer englischen Muttersprache natürlich noch viel besser in Worte fassen und Emotionen wecken. Zitate auf Bildern zeigen eine andere Seele des Bildes, AWC beherrscht das meisterhaft.

Schneebedeckte Dolomitengipfel im warmen Alpenglühen bei Sonnenuntergang
Alpenglühen in den Dolomiten – Licht, das nur wenige Minuten bleibt. ©Eberhard Grossgasteiger

Q Was sollen Menschen fühlen, wenn sie deine Arbeit sehen?

Wie schon vorhin gesagt, die Bilder sollen sie einfach berühren, eine unbewusste Emotion wecken. Sie schauen sich die Bilder an, vielleicht gefallen sie ihnen auch nicht, aber irgendetwas fasziniert sie trotzdem. Sie wissen nicht, was es ist, aber es fesselt sie unsichtbar an das Einfache der Aussage meiner Fotografie.