Wenn man durch soziale Medien scrollt oder sich generell online Bilder anschaut, merkt man schnell, dass schwarz-weiß einer der beliebtesten Filter ist. Der Grund ist auch absolut nachvollziehbar: Es verleiht einem Foto eine ganz andere, oftmals viel stärkere Wirkung. Oder zumindest ist das der Gedanke dahinter.
Ich selbst mache bei fast jeder meiner Aufnahmen mindestens drei, vier Bilder ohne Farbe. Und dabei unterdrücke ich den Drang, der das noch viel öfter machen möchte. Ich stelle mir jedes Mal die Frage, ob es hier wirklich notwendig ist. Meistens mache ich sogar zwei Versionen: eines in Farbe und eine Kopie in schwarz-weiß. Eigentlich ist das falsch.
Wenn Licht wichtiger ist als Realität
Wir haben einen Luxus: Wir können selbst entscheiden, ob wir Farbe wollen oder eben nicht. Bei den ersten Fotografien stellte sich diese Frage gar nicht. Erst mit Aufkommen der Farbfotografie in den 1930er Jahren kam auch diese Wahl dazu. Und wird seitdem bewusst oder auch unbewusst eingesetzt. Aber nicht jedes Bild verdient SW.
Es gibt sie, diese speziellen Momente oder Aufnahmen, bei denen die Farbe einfach stört. Bei denen es um Emotionen geht, um das reine Zusammenspiel aus Licht und Schatten. Fotos bei denen die Emotion wichtiger ist als die Realität.
Besonders deutlich wird das bei Portraits. Ein Gesicht in SW – keine ablenkenden Hauttöne, kein störendes Hintergrundgrün. Nur der Ausdruck. Das Licht. Der Moment. Und genau hier braucht es keine Farbe. Beispiele dafür gibt es Unmengen.
Und dann gibt es noch den Zwischenraum – das entsättigte Bild, die eine Farbe, die bleibt. Aber das ist eine andere Geschichte.
Farbloser Herbst? Nicht mit mir
Im Gegenzug gibt es Fotos, die genau wegen der Farbe leben und einen beeindrucken. Ein Sonnenuntergang in schwarz-weiß? Ein gelb schimmernder herbstlicher Lärchenwald ohne einen Farbklecks? Kann sicher auch interessant sein. Doch gerade diese Bilder leben von den Farbtönen. Dem Zusammenspiel und interessanten sowie einzigartigen Verläufen.
Auch einer der Gründe, weshalb ich niemals nur schwarz-weiß fotografieren könnte. Für mich hat sich daher nie die Frage nach dem Entweder-oder gestellt. Viel mehr bin ich froh, beide Möglichkeiten zu haben. Wichtig ist dabei für mich mittlerweile nur: ich konvertiere nicht, weil es gut aussieht, sondern weil ich mich aktiv dafür entscheide. Doch die Entscheidung, wann die Farbe eigentlich egal ist, ist nicht so einfach.
Eine Entscheidung, keine Gewohnheit
Sebastião Salgado hat sein Leben lang ausschließlich in Schwarz-Weiß fotografiert – nicht, weil Farbe schlechter ist, sondern weil SW seine Sprache war. Eine bewusste, kompromisslose Entscheidung. Kein Filter, keine Gewohnheit. Eine Haltung. Henri Cartier-Bresson hat es ähnlich gehalten.
Das ist der Unterschied: nicht SW weil es stark aussieht, sondern SW, weil es das einzig Richtige für dieses Bild ist – oder für die eigene Bildsprache insgesamt.