Surreale Fotokunst, Composite-Fotografie
Erik Johansson baut Welten, die es eigentlich nicht geben dürfte – und die trotzdem völlig echt wirken. Ausschließlich mit eigenen Fotografien erschafft der schwedische Künstler surreale Szenen, die von der ersten Skizze bis zum fertigen Werk Monate dauern können. Seine Arbeiten sind unter anderem für Adobe, Google, Microsoft und National Geographic entstanden, er hat bei TED und der Adobe MAX Conference gesprochen. Heute lebt und arbeitet er in Prag.
Q Wie bist du überhaupt zur Fotografie gekommen – gab es einen bestimmten Moment oder ein bestimmtes Bild, das dich in diese Richtung gebracht hat?
Meine erste Digitalkamera bekam ich mit 15 – und von diesem Tag an war ich neugierig zu erkunden, wie stark man ein Foto verändern kann und es trotzdem wie ein Foto aussehen lassen kann. Ich war schon immer ein visueller Mensch und habe gern gezeichnet und mich visuell ausgedrückt.
Q Bilder wie "Drifting Away" oder "Comfort Zone" wirken wie aus einem Traum direkt entnommen. Wie kommt man überhaupt auf so eine Idee?
Es beginnt immer klein – ein kleiner Gedanke oder eine Beobachtung von etwas um mich herum. Oft geht es darum, einen Gedanken zu illustrieren. Ein Gefühl zum Leben zu erwecken.
Q Manche deiner Bilder brauchen einen sehr langen Prozess von der ersten Skizze bis zum fertigen Werk. Wie weißt du mitten in diesem Prozess, ob eine Idee überhaupt noch die Mühe wert ist?
Zeit ist mein bester Freund – Dingen Zeit zu geben ist die einzige Art, wie ich weiß, ob etwas gut ist oder nicht. Ich fange nie sofort an zu arbeiten, und Planung ist der wichtigste Teil des Prozesses. Mit guter Planung werden das Fotografieren und die Nachbearbeitung viel einfacher.
Q KI könnte den aufwendigen Teil deiner Arbeit heute abkürzen. Warum gehst du trotzdem den viel längeren, mühsameren Weg über echte eigene Fotografien – und was kann so ein Bild, das eine KI-Version nicht könnte?
KI kann ein Bild erzeugen, aber kann sie Kunst schaffen? Für mich ist Kunst etwas Menschliches – etwas, das wir nutzen, um uns auszudrücken, unsere Gefühle, Ängste und Erfahrungen. KI fühlt sich für mich wie eine Abkürzung an, und an Abkürzungen bin ich nicht interessiert. Kreativität ist Teil des gesamten Prozesses, und ich fotografiere sehr gerne weiterhin mein eigenes Material. Von Menschen gemachte Kunst, von Menschen für Menschen.
Q Manche deiner Bilder wirken wie ein leiser Kommentar zur Welt. Ist das bewusst eingebaut, oder entsteht das eher nebenbei aus der Idee selbst?
Viele der Ideen und Gedanken, die ich habe, kommen von Dingen, die ich sehe, erlebe und fühle. Vieles davon ist sehr persönlich, und wenn ich schon so viel Aufwand in meine Arbeit stecke, will ich sicherstellen, dass ich es gut mache und an etwas arbeite, das mir etwas bedeutet. Die Titel waren dabei immer ein wichtiger Teil der Werke.
Q Wie fühlt es sich an, wenn du nach langer Arbeit zum ersten Mal das fertige Bild komplett vor dir siehst – deckt sich das je genau mit dem, was du dir am Anfang vorgestellt hast?
Es wird immer ein bisschen anders, aber nicht auf schlechte Weise. Die Skizze ist nur der Anfang – erst beim Fotografieren bekomme ich zum ersten Mal ein Gefühl dafür, wie es aussehen könnte. Aber diese Entwicklung ist etwas Gutes.
KI kann ein Bild erzeugen, aber kann sie Kunst schaffen? Von Menschen gemachte Kunst, von Menschen für Menschen.
Q Würdest du dich selbst eher als Fotografen oder als Künstler bezeichnen – oder ist diese Trennung für dich längst überholt?
Ich neige eher dazu, Künstler zu sagen als Fotograf – Fotograf zu sein bedeutet eher, einen Moment einzufangen, aber ich baue einen Moment mithilfe von Fotografien. Aber ehrlich gesagt sind diese Bezeichnungen gar nicht so wichtig.
Q Gibt es Fotografen oder Künstler, die dich selbst bis heute inspirieren oder geprägt haben?
Ich habe schon immer mehr Inspiration bei Malern gefunden als bei Fotografen – sowohl bei den surrealistischen Künstlern des 20. Jahrhunderts, M.C. Escher (niederländischer Grafiker) und René Magritte (belgischer Surrealist), als auch in der klassischen Malerei und wie dort Licht und Farben eingefangen werden.
Q Gibt es eine Idee, die dich bis heute nicht loslässt, die du aber technisch oder logistisch noch nicht umsetzen konntest?
Es gibt viele Ideen, bei denen ich noch zweifle, ob sie überhaupt möglich sind – manchmal aus technischen Gründen, manchmal auch aus gestalterischen Gründen. Wird das überhaupt verstanden werden? Aber die Grenzen dessen, was ich einfangen kann, waren für mich immer hilfreich, um meine Kreativität zu lenken und Konsistenz zu finden. Ich muss bei Ideen bleiben, die ich auch wirklich umsetzen kann.
Q Was ist die wichtigste Lektion, die du über all die Jahre gelernt hast?
Dass der Anfang in gewisser Weise der schwierigste Teil des ganzen Prozesses ist. Den Dingen Zeit zu geben ist natürlich wichtig, aber es fühlt sich immer an, als gäbe es einen Grund noch zu warten, bevor man anfängt. Aber manchmal muss man einfach anfangen.