Die Idee war einfach: eine Nacht auf über 2.000 Metern verbringen und alles mitnehmen, was die Stunden zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang bereithalten. Sterne, vielleicht die Milchstraße, das erste Licht des Tages. Vielleicht auch Wildlife. Vielleicht aber auch gar nichts. Denn die Wahrheit ist: Für gute Bilder gibt es keine Garantie.

Gerade das machte für mich den Reiz der Tour aus. Astrofotografie war weitgehend Neuland, eine Nacht komplett im Freien am Berg hatte ich bis dahin noch nie verbracht. Natürlich hatte ich recherchiert, Apps geprüft und mir Gedanken über die Bedingungen gemacht. Trotzdem blieb ein großer Teil der Nacht ungewiss.

Schon beim Packen zeigte sich das typische Dilemma jeder Foto-Tour. Einerseits wollte ich möglichst viele Möglichkeiten offenhalten. Andererseits musste alles auf den Berg getragen werden. Anders als bei einem Roadtrip oder einer kurzen Foto-Session in der Stadt spielt das Gewicht bei rund 1.500 Höhenmetern plötzlich eine sehr entscheidende Rolle.

Entsprechend wanderte manche Ausrüstung mehr als einmal in den Rucksack und wieder heraus. Brauche ich wirklich dieses Objektiv? Was ist wichtiger: noch ein Objektiv oder lieber mehr Wasser? Noch ein Akku oder doch die Handschuhe? Während der fotografische Teil meines Gehirns möglichst viele Optionen dabeihaben wollte, erinnerte der vernünftigere Teil eindringlich daran, dass eine Nacht am Berg zunächst einmal kein Fotoausflug, sondern eine Bergtour ist.

Als der Plan zu kippen drohte

Oben angekommen sah es zunächst nicht nach einer erfolgreichen Nacht aus. Am Horizont zuckten Blitze, dunkle Wolken schoben sich über die Gipfel und die Wetter-App wurde deutlich häufiger aktualisiert. Das Gewitter zog zwar an der gegenüberliegenden Talseite vorbei, der Himmel blieb aber unberechenbar. Wolkenlücken öffneten sich und schlossen sich wenig später wieder.

Sonnenstrahlen brechen durch dichte Wolken über einer Bergkette
Sah lange nicht nach einer erfolgreichen Nacht aus.

Bis zum Sonnenuntergang vertrieb ich mir die Zeit mit ein paar Aufnahmen. Tiere ließen sich, abgesehen von einem Schmetterling, keine blicken. Dafür entstanden unter anderem einige Selbstporträts. Ausgerechnet dabei musste ich an das 85mm-Objektiv denken, das nach mehrfachem Ein- und Auspacken schließlich doch zu Hause geblieben war.

Gleichzeitig kam auch das 150-600mm immer wieder zum Einsatz. Nicht unbedingt, weil ich es gebraucht hätte, sondern weil man nach über zwei Kilogramm zusätzlichem Objektivgewicht automatisch nach Gelegenheiten sucht, die Entscheidung vor sich selbst zu rechtfertigen.

Mit Einbruch der Dunkelheit änderte sich wenig. Laut Wetterprognose sollte der Himmel gegen Mitternacht aufklaren, doch davon war zunächst nichts zu sehen. Also blieb nur warten. Immer wieder wanderte der Blick nach oben. Irgendwann aber gab ich den Gedanken an Sternenfotos für diese Nacht mehr oder weniger auf und legte mich hin.

Gegen zwei Uhr morgens folgte ein weiterer Blick nach draußen. Diesmal hatte die Wettervorhersage recht behalten. Die Wolken rissen auf, zwischen ihnen wurden immer mehr Sterne sichtbar und innerhalb weniger Minuten war klar: Wenn ich schon hier oben war, gab es jetzt keine Ausrede mehr. Also raus aus dem Schlafsack und zurück hinauf zum Gipfel.

Zwischen Schlafsack und Sternenhimmel

Wenig später stand ich wieder am Gipfelkreuz. Mein Ziel war ein Star Trail. Vor vielen Jahren hatte ich zwar schon einmal eher zufällig Sternspuren aufgenommen, diesmal wollte ich das Ganze aber bewusst angehen. Entsprechend hatte ich mir vor der Tour Notizen gemacht, Einstellungen recherchiert und verschiedene Abläufe gespeichert. In der Praxis begann trotzdem alles mit Ausprobieren.

Im Dunkeln einen passenden Bildausschnitt zu finden, erwies sich als schwieriger als gedacht. Danach folgten Testaufnahmen, Fokuskorrekturen und weitere Testaufnahmen. Das Gipfelkreuz leuchtete ich während einiger Aufnahmen kurz mit dem Handy an, damit es später nicht nur als schwarze Silhouette im Bild stehen würde. Irgendwo dazwischen fiel mir auf, dass ich die App zur Ausrichtung an den Sternen komplett vergessen hatte. Zu diesem Zeitpunkt spielte das allerdings keine Rolle mehr. Die Intervallserie lief bereits.

Sternenhimmel über Bergsilhouetten mit Lichtschein einer Stadt am Horizont
Die Wolken rissen auf, die Sterne kamen durch – die Nacht drehte sich in Minuten.

Nun hieß es abwarten. Nur gelegentlich unterbrochen durch einen Blick auf das Display, ob die Kamera noch arbeitete wie geplant. Wie das fertige Bild aussehen würde, wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Das würde sich erst später am Rechner zeigen. In diesem Moment war ich einfach froh, dass die Wolken doch noch Platz für die Sterne gemacht hatten.

Kurz vor vier Uhr verschwand die Kamera wieder im Rucksack. Bis zum Sonnenaufgang blieben noch ein paar Stunden. Oder zumindest der Versuch, noch etwas Schlaf zu bekommen.

Fast verpasst

Als der Wecker gegen halb sechs klingelte, hielt sich die Motivation zunächst in Grenzen. Nach der Nacht am Gipfel und dem Star Trail wenige Stunden zuvor schien der Schlafsack in diesem Moment deutlich attraktiver als alles, was draußen auf mich warten konnte.

Also blieb ich noch einen Moment liegen und beobachtete das Morgenrot. Die ersten Bilder entstanden direkt aus dem Schlafsack. Als ich kurz darauf erneut zum Horizont blickte, war allerdings sofort klar, dass Liegenbleiben keine Option mehr war. Über den Bergketten erschien eine tiefrote Sonne, die deutlich größer wirkte, als ich sie jemals zuvor gesehen hatte. Wenige Augenblicke später war ich wieder auf den Beinen und auf dem Weg Richtung Gipfel.

Dort spielte das Teleobjektiv schließlich genau seine Stärken aus. Durch die 600 Millimeter Brennweite schob sich die Sonne wie ein gewaltiger Feuerball hinter die dunklen Bergsilhouetten. Einer dieser Momente, die in der Realität genauso beeindruckend wirken wie später auf dem Foto.

Große rote Sonne geht hinter Bergketten auf, aufgenommen mit Teleobjektiv
Größer als ich sie je zuvor gesehen habe.

Als wäre das nicht schon genug gewesen, zeigten sich wenig später tatsächlich noch mehrere Gämsen am Hang. Genau für solche Begegnungen war das große Teleobjektiv überhaupt mitgekommen. Nach den Diskussionen mit mir selbst beim Packen und den zusätzlichen Kilogramm auf dem Rücken gab mir mein Instinkt in diesem Moment recht. Es hatte sich gelohnt.

Der Weg zurück ins Tal bot endlich Zeit, die vergangenen Stunden Revue passieren zu lassen. Vieles war anders gelaufen als geplant. Manche Entscheidungen hatten sich als richtig erwiesen, andere würde ich beim nächsten Mal vermutlich anders treffen.

Unbequem war die Nacht, der Schlaf zu kurz, der Wind nervig. Und trotzdem: jede Sekunde davon war es wert. Wegen der Bilder. Aber vor allem wegen der Nacht selbst.

Von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang

Einzelne Wolke über einer zerklüfteten Bergkette bei Tageslicht
Zwei Gämsen stehen im hohen Gras am Berghang
bergpanorama am abend mit dramatischen wolken