Als das Buch ankam, dauerte die Vorfreude ungefähr fünf Sekunden. Dann fiel mir auf, dass Cover und Rückseite vertauscht waren. Kein Fehler des Druckdienstleisters, sondern meiner. Irgendwann zwischen InDesign und Upload hatte ich die Seiten falsch angelegt und es nicht bemerkt.
Dann fiel mir der nächste Fehler wieder ein: Wenige Minuten nach der Bestellung hatte ich gemerkt, dass ich versehentlich Glanzpapier statt Mattpapier gewählt hatte. Der Versuch zu stornieren kam zu spät.
Rückblickend passt das eigentlich ganz gut zu diesem Projekt. Denn SEEN war nie etwas, das von Anfang an klar definiert war.
Von My First 100 über Beyond Gaze zu SEEN
Die ursprüngliche Idee entstand vor rund zwei Jahren. Damals sollte das Buch My First 100 heißen. Nicht, weil es meine ersten 100 Fotos gewesen wären oder die ersten 100 Menschen vor meiner Kamera, sondern einfach als Arbeitstitel für eine Sammlung von 100 Porträts.
Geplant war eine Art Flipbook. Von einer Seite begann eine Schwarzweiß-Serie, von der anderen eine Farbserie. Beide Hälften sollten sich in der Mitte treffen. Auf dem Bildschirm klang das alles erstaunlich überzeugend.
Je länger ich mich mit dem Projekt beschäftigte, desto weniger passte der Titel. Es waren keine 100 Menschen. Manche Personen tauchten mehrfach auf, andere nur einmal. Gleichzeitig begann sich das gesamte Konzept zu verändern.
Aus My First 100 wurde Beyond Gaze. Der Titel begleitete das Projekt eine Zeit lang, bis auch er irgendwann wieder verschwand. Mit jeder neuen Version wurde das Buch einfacher. Bilder fielen weg. Die Farbe verschwand komplett. Das ursprüngliche Konzept rückte immer weiter in den Hintergrund.
Am Ende blieb nur noch ein kurzer Titel übrig. SEEN. Warum? Weil es kurz ist und irgendwie passt: gesehen, angesehen, Blick. Mehr Konzept steckt nicht dahinter.
Warum überhaupt ein Fotobuch?
Die Idee war nie, einfach ein Fotobuch zu bestellen. Ein Familienalbum bei einem der großen Anbieter ist in einer Stunde erledigt. Bilder auswählen, in eine Vorlage ziehen, fertig. Mich interessierte etwas anderes.
Ich wollte wissen, wie sich meine Fotografien in einem Format anfühlen, das ich sonst vor allem aus professionellen Fotobüchern kenne. Nicht als einzelne Bilder auf einer Website, nicht als Instagram-Post und nicht auf einem Monitor. Sondern als etwas Physisches. Etwas, das ich in die Hand nehmen, durchblättern, weglegen und später wieder aufschlagen kann.
Außerdem reizte mich der Gedanke, den gesamten Prozess selbst umzusetzen. Nicht nur die Fotografie und die Bearbeitung, sondern auch die Gestaltung. Die Reihenfolge der Bilder. Die Größe auf der Seite. Die Abstände. Die Übergänge. Jede einzelne Entscheidung.
Wie wird aus Porträts ein Buch?
Die eigentliche Herausforderung war dabei nie die Bildauswahl. Natürlich musste die Zahl irgendwann kleiner werden. Aus den ursprünglich geplanten 100 Bildern wurden am Ende 30 Porträts auf 38 Seiten. Schwieriger war die Frage, wie daraus ein Buch werden sollte.
Die Fotografien entstanden zwischen 2015 und heute, mit drei verschiedenen Canon-Kameras. Ein Bild entstand analog auf einer Canon AE-1 und wurde anschließend selbst entwickelt.
Dazwischen liegen über zehn Jahre, unterschiedliche Menschen und völlig verschiedene Herangehensweisen. Da gibt es spontane Aufnahmen, geplante Shootings, improvisierte Setups mit einem Metz-Blitz und einer Softbox aus Karton und Müllbeutel ebenso wie neuere Studioaufnahmen mit unterschiedlichen Blitzen. Trotzdem sollte sich das Ganze nicht wie ein Festplattenordner voller Einzelbilder anfühlen.
Ich habe erstaunlich viel Zeit damit verbracht, Bilder zu verschieben, Reihenfolgen zu ändern und Kombinationen auszuprobieren. Wann folgt auf ein dunkles Porträt ein helles? Wann braucht eine Doppelseite Ruhe? Wann zwei direkte Blicke hintereinander und wann nicht? Auf viele dieser Fragen gibt es keine richtige Antwort. Ich merke einfach, wenn ein Bild etwas hat.
Der Platzhalter
Relativ früh stand fest, dass das Buch komplett in InDesign entstehen würde. Nicht, weil Vorlagen grundsätzlich schlecht sind. Sondern weil ich den Prozess als Ganzes spannend fand. Wenn ich schon ein Fotobuch mache, dann wollte ich jeden Schritt selbst in der Hand haben.
Das betraf auch das Format. Ursprünglich schwebte mir etwas Kleineres vor. Gleichzeitig sollten die Bilder genügend Raum bekommen. Quadratische Fotobücher haben mir nie besonders gefallen, Querformat kam wegen der vielen Hochformate ebenfalls nicht infrage. Am Ende gewann eine pragmatische Lösung, die irgendwo dazwischen lag.
Auch das Cover entwickelte sich anders als geplant. Die Ausschnitte auf Vorder- und Rückseite waren ursprünglich nur Platzhalter, um ein Gefühl für Titel und Gestaltung zu bekommen. Eigentlich wollte ich keine eigenen Porträts auf dem Cover verwenden.
Mit jeder Alternative passierte allerdings dasselbe. Ich ersetzte die Platzhalter und fand die neue Version schlechter. Irgendwann musste ich akzeptieren, dass aus einem Platzhalter längst eine Entscheidung geworden war.
Das erste Exemplar
Als das Buch schließlich ankam, war ich froh, zuerst nur ein Exemplar bestellt zu haben. Der vertauschte Umschlag war ärgerlich. Das Glanzpapier noch mehr.
Und während Mattpapier vermutlich bereits besser gewesen wäre, wurde schnell klar, dass ein Naturpapier wahrscheinlich die deutlich passendere Wahl gewesen wäre. Dazu kamen weitere Dinge, die auf dem Bildschirm nie aufgefallen waren. Manche Seiten schimmerten stärker durch als erwartet. Einige Bildkombinationen wirkten gedruckt anders als in InDesign.
Genau deshalb war die Bestellung trotzdem kein Fehlschlag. Im Gegenteil. Zum ersten Mal konnte ich beurteilen, was funktioniert und was nicht. Dinge, die am Monitor perfekt wirkten, mussten plötzlich hinterfragt werden. Andere Entscheidungen fühlten sich dagegen sofort richtig an.
Das zweite Exemplar
Layout angepasst, Cover korrigiert, Papier gewechselt, Buch noch einmal bestellt. Als es ankam, habe ich nicht erst die Vorfreude ausgekostet. Ich habe sofort nachgeschaut, ob das Cover diesmal stimmt. Es stimmte. Dann das Papier.
Das erste Exemplar war auf Fotopapier gedruckt, mit diesem Glanz, der eher an Folie erinnert. Für einzelne Bilder ist das in Ordnung, für ein Buch war es haptisch einfach falsch. Jetzt ist es ungestrichenes Naturpapier, und es fühlt sich endlich an wie Papier. Edler. Meine Vermutung hat sich bestätigt. Das Durchschimmern ist komplett verschwunden. Einige Kontraste wirken etwas anders, als ich sie vom Bildschirm kenne.
Die Porträts wirken auf diesem Papier noch einmal anders. Die Haptik, das Blättern, die Blicke von Seite zu Seite: Das ist besser als jedes Display. Und ich habe jetzt etwas Physisches, das ich jemandem in die Hand drücken kann.
Ob es dabei bleibt, weiß ich noch nicht. Vielleicht bestelle ich zwei oder drei Exemplare zum Verschenken. Ob SEEN damit fertig ist oder ob doch noch etwas Neues kommt, steht ehrlich gesagt in den Sternen.
Das Cover stimmt jedenfalls.