Samstag, 15 Uhr, die Sonne knallte auf den Platz und entsprechend hart war das Licht. Nicht unbedingt das Licht, das ich mir ausgesucht hätte, aber eben das Licht, das da war. Genau darum ging es mir bei diesem Versuch: nicht auf perfekte Bedingungen warten, sondern schauen, was ich daraus machen konnte.

Dass ich überhaupt dort stand, hatte etwas gedauert. Fußball zu fotografieren stand schon länger auf meiner Liste. Es scheiterte aber immer an derselben Hürde: Mit großer Ausrüstung wollte ich nicht einfach so am Spielfeld auftauchen, sondern vorher fragen. Und dann zog sich das. Mal passte es zeitlich nicht, mal wusste ich nicht, bei welchem Verein ich überhaupt anfragen sollte.

Diesmal war die Hürde weg. Ich war ohnehin in Bozen, und beim FC Gries, meinem alten Verein, stand ein Heimspiel an. Dort hatte ich viele Jahre selbst gespielt. Eine kurze Nachricht an einen ehemaligen Mitspieler, und die Sache war geklärt. Auf dem Platz standen zwei weitere ehemalige Mitspieler und drei Spieler, die ich trainiert hatte, als sie noch in der Jugend spielten.

Erst einmal ins Spiel kommen

Anfangs war mir auf der Tribüne mit den großen Objektiven etwas unwohl. Ich brauchte einen Moment, um das auszublenden. Dabei half sicherlich, dass ich einen Großteil der Zuschauer persönlich kannte.

Dass Fußball schnell ist, war keine Überraschung. Wie schnell es sich mit einer Kamera vor dem Gesicht anfühlt, merkte ich erst, als ich im richtigen Moment beim richtigen Spieler sein wollte.

Zweikampf zweier Spieler von hinten, lange Schatten auf dem Rasen, der Ball rollt rechts davon
Hartes Licht, lange Schatten, ein Zweikampf in Sekunden.

Zuerst war ich vor allem damit beschäftigt, dem Geschehen zu folgen. Mit der Zeit wurde das intuitiver. Durch den Sucher sah ich das Spiel anders: Ich begann, Motive zu suchen und Szenen vorauszuahnen. Wohin ging der nächste Pass? Wo entstand gleich eine Situation? Wann lohnte es sich, den Bildausschnitt schon vorher zu setzen?

Dabei musste ich an mein Interview mit dem Sportfotografen Oliver Baumgart denken, der genau das beruflich macht. Nach diesem Nachmittag verstand ich noch ein bisschen besser, was ihn daran reizt. Es machte einfach großen Spaß, ein Spiel auf diese Weise zu verfolgen, auch hier auf dem kleinen Platz in der Amateurliga.

Ganz klappte das allerdings nicht. Beim Führungstreffer blieb ich an einem Spieler an der Seitenlinie dran und hatte den Querpass noch im Bild, die Vorlage zum Tor. Dann war ich zu langsam, um in die Mitte zu schwenken. Das Tor selbst verpasste ich komplett. Übrig blieb die Jubeltraube, hochkant und quer, weil ich mir vorgenommen hatte, zwischendurch nicht nur hochkant zu fotografieren.

Gelb-blaue Jubeltraube am Spielfeldrand, davor der Schiedsrichter in Rot, rechts läuft ein Gegenspieler weg
Der Schiedsrichter hat vom Tor vermutlich mehr gesehen als ich.

Zwischen den Szenen

Leichter fielen mir ziemlich schnell die ruhigeren Momente: Close-ups, Details, einzelne Spieler, Situationen, in denen für einen Augenblick weniger passierte. Da blieb mehr Zeit, genauer hinzusehen und ein Bild bewusster aufzubauen. Und solche Momente gab es ständig, sobald ich den Blick vom Ball löste.

Bei den eigentlichen Spielszenen war es schwieriger. Je näher ich dran war, desto schneller war die Situation wieder aus dem Bild verschwunden. Vor allem mit langer Brennweite hieß das immer wieder: rauszoomen, Szene finden, wieder näher ran.

Der vergessene Mitzieher

Einen Mitzieher wollte ich unbedingt ausprobieren, das stand schon vor dem Spiel auf meiner Liste. Dann vergaß ich ihn komplett. Erst gegen Ende der zweiten Halbzeit fiel er mir wieder ein. Also stellte ich schnell die Einstellungen um und legte los.

Die Zeit reichte nur noch für wenige Versuche. Pro Lauf machte ich sieben, acht Bilder, und nur eines davon hatte ein scharfes Gesicht. Umso überraschter war ich, dass überhaupt etwas dabei war. Gern hätte ich noch zwei, drei weitere Mitzieher getestet. Aber dann war das Spiel vorbei.

Fußballspieler im gelb-blauen Trikot im Mitzieher: scharfes Gesicht, Körper und Rasen verwischen zu Streifen
Laufbewegung: scharfes Gesicht, der Rest verwischt.

Das war trotzdem das Interessanteste, was ich von diesem Nachmittag mitnahm: 90 Minuten mit ständig wechselnden Situationen waren ein ziemlich großer Spielplatz zum Ausprobieren. Davon schöpfte ich längst nicht alles aus, dafür war ich noch zu sehr damit beschäftigt, ein Gefühl für das Spiel vor der Kamera zu bekommen.

Runter von der Tribüne

Am meisten ändern würde ich beim nächsten Mal meine Position. Den Großteil des Spiels fotografierte ich relativ zentral von der Tribüne. Das war bequem, und von dort oben konnte ich praktisch das gesamte Spielfeld überblicken. Für einige Bilder war die erhöhte Perspektive genau richtig. Was mir fehlte, waren die Aufnahmen auf Augenhöhe. Ein anderer Blick hätte nicht geschadet.

Beim nächsten Mal will ich mindestens eine Halbzeit direkt vom Spielfeldrand fotografieren und mich generell mehr bewegen. Nicht darauf warten, dass das Spiel zu meiner Position kommt, sondern selbst Blickwinkel suchen.

Das Einbein hatte ich extra von München nach Bozen mitgebracht und dann doch nicht zum Spiel mitgenommen. Ich wollte nicht noch mehr schleppen und dachte, es würde auch so gehen. Es ging auch so, auf der Tribüne war das kein Problem. Direkt am Spielfeldrand wäre es vermutlich wichtiger gewesen. Spürbar war es trotzdem: Nachdem ich lange genug durch das 150–600 mm geschaut hatte, fühlte sich selbst das 70–200 erstaunlich schwer an.

Spieler in Gelb blickt konzentriert dem Ball in der Luft nach, davor ein unscharfes Gerangel
Von der Tribüne herangeholt. Auf Augenhöhe wäre es ein anderes Bild.

1.400 Bilder später

Am Ende hatte ich ungefähr 1.400 Bilder auf der Speicherkarte. Rund 180 davon schickte ich dem Verein. Wahrscheinlich hätte ich daraus noch konsequenter auswählen können. Auch das gehörte für mich zum Ausprobieren: Erst beim Durchsehen sah ich, welche Motive sich wiederholten, welche Bilder wirklich etwas zeigten und welche nur technisch funktionierten.

Der FC Gries gewann das Spiel übrigens 1:0. Das Tor kann ich leider nicht zeigen. Beim nächsten Mal vielleicht.

Mehr Bilder vom Spiel

Spieler und Betreuer jubeln nach dem Abpfiff Richtung Fans, im Vordergrund unscharf erhobene Arme und gelb-blaue Pompons
Nach dem Abpfiff: 1:0 und Jubel Richtung Fans.