Immer wieder taucht sie auf, diese Debatte. In Foren, in Kommentarspalten, manchmal auch einfach beim Gespräch mit anderen Fotografen: Festbrennweite oder Zoom. Wer die Wahrheit über sich selbst lernen will, greift zur Festbrennweite, heißt es dann gerne. Auch Eberhard Grossgasteiger hat das im Interview gesagt. Mit einer Festbrennweite lernt man fotografieren, weil man sich bewegen muss, Abstand suchen, mit dem arbeiten, was man gerade hat. Da ist was dran. Trotzdem konnte ich mich nie wirklich für eine Seite entscheiden. Und je länger ich fotografiere, desto klarer wird mir warum: die interessantesten Bilder sind bei mir fast immer dann entstanden, wenn ich ein Objektiv zweckentfremdet oder einfach ausprobiert habe, was passiert – unabhängig davon, ob es dafür „gedacht“ war oder nicht.

Angefangen hat bei mir alles mit dem 18-55mm Kit-Objektiv, wie bei den meisten vermutlich. Weder besonders lichtstark noch sonderlich beeindruckend, aber genau das Richtige für den Anfang. Als ich noch nicht wusste, was eine Blende überhaupt bewirkt, war es völlig egal, dass das Objektiv weder Fisch noch Fleisch war. Es ließ mich die Kamera überhaupt erst einmal kennenlernen und hat mir treue Dienste erwiesen. Heute nutze ich es zwar nicht mehr, aber ohne dieses unscheinbare Ding hätte alles andere wohl gar nicht erst richtig angefangen.

Die erste Festbrennweite, aus ganz anderen Gründen

Meine erste Festbrennweite kam übrigens deutlich früher als gedacht, und aus Gründen, die mit der ganzen Philosophie dahinter erstmal wenig zu tun hatten. Das Canon 50mm war schlicht günstig und es war deutlich lichtstärker als alles, was ich bis dahin besaß. Von der Idee, dass eine Festbrennweite einen zu bewussterem Fotografieren zwingt, hatte ich damals noch keine Ahnung. Ich wollte einfach mehr Licht einfangen können. Erst im Nachhinein wurde mir klar, wie gut dieses Objektiv eigentlich für genau das ist, was die Festbrennweiten-Fraktion predigt. Bis heute würde ich sagen: Preis-Leistung ist bei diesem Objektiv unschlagbar, und ich habe es fast immer dabei. Im Zweifel kommt das drauf.

Hand hält ein schwarzes Canon EF 50mm f/1.8 Objektiv vor dunklem Hintergrund.
Das Canon 50mm f/1.8 - Eine der besten preiswertesten Linsen überhaupt.

Danach folgte ein gebrauchtes 17-40mm von Canon. Der Kauf war, wenn ich ehrlich bin, keiner besonders durchdachten Überlegung geschuldet. Ich wollte einfach eines aus der L-Linie haben, weil es professioneller aussah. Diesen Kauf habe ich im Nachhinein etwas bereut. Ich nutze das Objektiv mangels einer besseren Weitwinkel-Alternative zwar immer noch, aber lieber war mir von Anfang an das 24-105mm. Das habe ich ebenfalls gebraucht gekauft und ist seitdem konstant für so ziemlich alles im Einsatz. Auch wenn es nicht das Lichtstärkste ist.

Groß, schwer, trotzdem geliebt

Für den verstärkten Einsatz bei Portraits kam irgendwann ein 70-200mm f2.8 dazu, zum ersten Mal nicht von Canon sondern von Tamron – bewusst mit offener Blende, weil ich mittlerweile besser verstanden hatte, welche Vorteile eine größere Öffnung bringt. Irgendwann ist es mir abhandengekommen. Ein neues 70-200mm war budgetmäßig erstmal nicht drin, also musste eine Alternative her: das Canon RF 85mm f2. Als vorübergehende Lösung für Portraits gedacht, hat es mich seitdem aber überzeugt.

Für Wildlife folgte noch relativ am Anfang ein 75-300mm, für das ich damals allerdings viel zu wenig Erfahrung hatte, um es wirklich sinnvoll einzusetzen. Später, für einen zweiten, ernsthafteren Ausflug in die Wildlife-Fotografie, kam ein 150-600mm dazu, wieder von Tamron. 300mm erschienen mir zu wenig, also gleich das Monster. Unhandlich und schwer ist es und zum Einsatz kommt es leider zu selten. Aber wenn, dann nicht nur für Wildlife, sondern immer wieder auch fernab davon in ganz anderen Situationen.

Rückansicht einer DSLR auf Stativ mit langem Teleobjektiv; auf dem Display ist ein Flugzeug auf der Startbahn zu sehen.
Das Tamron 150-600 mm Objektiv im Einsatz beim Planespotting.

Zum Beispiel bei einem Sonnenaufgang am Berg, mit dem Teleobjektiv statt einem Weitwinkel. Das Ergebnis war deutlich beeindruckender, als es mit einer kleineren Brennweite vermutlich geworden wäre – die Sonne wirkte riesig, fast bedrohlich, ganz anders als der übliche Postkarten-Sonnenaufgang. Das war so nicht geplant, sondern ist einfach passiert, weil das Objektiv am Body saß und ich es ausprobiert habe. Auch bei Portraits sind mit dem 150-600mm schon einige sehr gute, interessante Bilder entstanden – Fotos, die anders aussehen als alles, was mit einem klassischen Portraitobjektiv entstanden wäre.

Ein Fehlkauf und ein Experiment das funktioniert hat

Nicht jeder Kauf hat sich gelohnt. Ein Walimex Fisheye musste ich unbedingt haben, ohne mich groß mit dem Thema auseinanderzusetzen. Irgendwo liegt es heute noch, halb vergessen. Nach zwei Einsätzen war mir klar: nichts für mich. Mit etwas mehr Recherche vorab hätte mir klar sein können, dass es sich dabei um ein sehr spezielles Glas für besondere Zwecke handelt.

Auf der anderen Seite gibt es Dinge, die eigentlich nie so gedacht waren, und trotzdem funktionieren. Für Makroaufnahmen nutze ich zum Beispiel ein altes Canon FD 50mm, mit einem Umkehrring verkehrt an die Kamera montiert. Das Objektiv war nie für Makro gebaut, hat außer der Marke mit meinem heutigen Kamerasystem auch offiziell nichts zu tun, und trotzdem entstehen damit Bilder, die mich immer wieder überraschen.

Bandprobe von unten fotografiert mit Fisheye-Objektiv, starke Verzerrung an den Bildrändern
Fisheye im Einsatz 2015 – für zwei Bandshootings gut genug, danach nie wieder.

Kein Richtig - kein Falsch

Ich glaube, man macht sich in der Fotografie viel zu oft Gedanken darüber, was man bräuchte, oder ob man gerade das richtige Werkzeug dabei hat. Doch in der Praxis zeigt sich immer wieder: es gibt kein Falsch. Man kann mit 200mm Streetfotografie machen, auch wenn einem alle sagen, das sei dafür ungeeignet. Man kann Landschaft mit einem 50mm fotografieren, obwohl es dafür eigentlich bessere Optionen gäbe. Man kann ein Objektiv umgekehrt montieren und damit Dinge sehen, für die es nie gedacht war.

Wenn ich heute darauf zurückblicke, habe ich die meisten Objektive nicht gekauft, weil mir etwas gefehlt hat. Ich kaufte sie, weil ich dachte, sie könnten meine Fotografie verbessern. Tatsächlich waren das jedoch selten die Momente, in denen ich als Fotograf die größten Fortschritte gemacht habe.

Die größten Entwicklungsschritte kamen meist ganz woanders her: mehr Zeit mit der Kamera, mehr fotografierte Stunden und ein besseres Verständnis für die Ausrüstung, die ich bereits besaß. Neue Objektive eröffneten manchmal neue Möglichkeiten. Viel häufiger sorgten sie jedoch einfach für neue Überlegungen und neue Zweifel.

Mittlerweile achte ich bewusst auf offene Blende, und das kostet spürbar mehr Geld als früher, wo mir das schlicht egal war. Der oft gehörte Ratschlag, man solle sich einfach ein einzelnes gutes Objektiv für seinen Zweck kaufen, funktioniert bei mir aber ohnehin nicht besonders gut. Denn ich habe nicht einen Zweck, sondern ständig neue.

Mittlerweile sehe ich das alles deutlich lockerer. Ich werde mit ziemlicher Sicherheit noch mehr Objektive kaufen, einfach weil das Ausprobieren selbst schon Spaß macht, unabhängig davon, ob am Ende ein perfektes Bild rauskommt. Umgekehrt werde ich weiterhin die vorhandenen Linsen für Zwecke einsetzen, für die sie eigentlich nicht gedacht worden sind.

Die Festbrennweiten-Fraktion hat mit vielem recht, was sie über Bewegung, Licht und bewusstes Sehen sagt. Aber am Ende ist es für mich kein Entweder-Oder. Es ist einfach: ausprobieren, sehen was passiert, und sich davon überraschen lassen, was für ein Bild am Ende rauskommt.