Mit Laufsteg und Fashion-Fotografie hatte ich mich nie wirklich beschäftigt, bis ich erste Shootings in dem Bereich hatte. Über eine befreundete Designerin bin ich auf Perfect Runway und ein Tennis Shooting aufmerksam geworden. Plötzlich bot sich die Möglichkeit an, 2025 als Fotograf bei der Munich Fashion Week dabei zu sein. Kurz hatte ich Zweifel, dann dachte ich mir aber: was solls, hab ja nichts zu verlieren.

Kind im Spielzeugladen

2025 war ich volle zwei Tage vor Ort und wollte alles mitnehmen – Laufsteg, Backstage, jede Ecke die sich bot. Was mich wirklich erwarten würde, hatte ich vorab nicht wirklich auf dem Schirm. Einfach überraschen lassen. Und plötzlich stand ich mittendrin, um mich herum jede Menge anderer Fotografen, die versuchten das beste Bild zu machen. Und vor allem: überall Motive die ich noch nie vor der Linse hatte.

Im ersten Moment fühlte ich mich wie ein Kind im Spielzeugladen, das nicht weiß, wo zuerst hin greifen: zu viele Möglichkeiten, zu wenig Zeit, zu wenig Platz. Am Ende kamen knapp 80 GB an RAW-Daten zusammen, ich war erschöpft und überwältigt gleichzeitig – aber auch schwer beeindruckt von dem, was da alles möglich war. Und dann kam noch etwas dazu, womit ich gar nicht gerechnet hatte: einige Designer, Shows und Models haben meine Bilder danach verwendet, teilweise sogar als Profilbild. Das fühlte sich gut an – auch wenn das ständige Beobachten danach, wer was repostet und wie viele Likes zusammenkommen, schnell nervig wurde. Diesen Kreislauf habe ich so schnell wie möglich wieder durchbrochen.

Ein Jahr später, anderer Kopf

2026 wurde ich von den Veranstaltern kontaktiert. Ich hatte ehrlich gesagt gar nicht mehr auf dem Schirm, wann die Fashion Week überhaupt stattfindet. Aber klar, warum nicht nochmal. Diesmal wollte ich nur einen Tag machen und mit etwas mehr Planung hingehen. Zumindest eine der beiden Vorgaben konnte ich umsetzen – ich war nur am Samstag da, die Planung blieb wieder auf der Strecke.

Selbe Location und trotzdem fühlte sich alles komplett anders an. Kein Versuch mehr alles gleichzeitig haben zu wollen. Ich nahm deutlich weniger Equipment mit, fast schon minimalistisch, was einen automatisch zwingt anders zu denken: Position wechseln statt Objektiv wechseln, mehr aufs eigene Auge verlassen statt aufs Gerät.

Rückblickend dachte ich wahrscheinlich, dass mehr Fotos auch die Chance erhöhen, etwas Besonderes mit nach Hause zu bringen. Tatsächlich war eher das Gegenteil der Fall. Langsamer zu werden machte mich selektiver, und selektiver zu werden ließ mich aufmerksamer fotografieren. Statt zu versuchen, alles um mich herum festzuhalten, begann ich wahrzunehmen, was mich wirklich interessierte.

Backstage, kurz vor der Show – genau die Momente, die man nicht stellen kann, sondern nur einfängt.

Backstage statt Rampenlicht

Vor und nach der Show von Pia Bolte auf der Terrasse verbrachte ich bewusst mehr Zeit Backstage statt vorne am Laufsteg, wo sich ohnehin alle drängeln. Dort hinten ein ganz eigener Vibe, Portraits abseits vom Rampenlicht, Momente, die sich einfach nicht stellen lassen – entweder man hat sie eingefangen oder nicht. Auch gibt es etwas mehr Abwechslung im Gegensatz zum Laufsteg.

Getestet habe ich außerdem Mitzieher, also bewusste Bewegungsunschärfe im Hintergrund bei scharfem Model im Vordergrund. Hat nur so halb funktioniert, am Ende blieben gerade mal ein, zwei brauchbare Bilder übrig, aber ausprobieren musste ja mal sein. Genau dafür wollte ich die Shows dieses Jahr nutzen. Mehr testen und austoben, weniger in Gedanken, ob danach jemand die Bilder nutzt oder überhaupt was rauskommt. Denn eines habe ich in all den Jahren gelernt: Irgendwas kommt bei mir immer raus. Und in vielen Fällen genau dann, wenn ich nicht darüber nachdenke, sondern Bilder suche und dem ganzen seinen Lauf lasse.

Model im bedruckten Kurzarmhemd läuft seitlich über den Laufsteg, Hintergrund und Publikum stark verwischt durch Bewegungsunschärfe.
Panning-Versuch: Hintergrund verwischt, Model scharf. Hat nur bei ein, zwei Bildern wirklich geklappt – aber genau das wollte ich diesmal ausprobieren.

Das Daumenkino

Eine Idee hatte ich mir dennoch vorab überlegt, für den Fall, dass sich die Gelegenheit ergibt: einen kompletten Walk als durchgehende Bildserie fotografieren, kein Video, sondern einfach draufhalten so schnell die Kamera kann. Das Ergebnis wirkt wie ein Daumenkino – die Bewegung in einzelne Bilder zerlegt statt in einen glatten Videofluss, etwas ruckeliger, aber mit ihrem ganz eigenen Charme.

Möglich gemacht hat das meine Canon R6 Mark II mit ihren schnellen Serienbildmodi. Beim ersten Versuch ging zwar der Fokus schon ab Bild drei verloren, die übrigen siebzig waren für die Tonne. Beim zweiten Versuch hat es dann aber geklappt wie gewünscht. Weitere Versuche waren mal besser, mal schlechter. Dennoch sind mindestens zwei Ergebnisse gut geworden und entsprechen meinen Vorstellungen.

Eine Location mit unzähligen Möglichkeiten

Beide Jahre fand alles im selben Hotel statt, dem Marriott City West. Die Dachterrasse ist eine coole Location, bei gutem Wetter aber auch herausfordernd, weil die direkte Sonne gnadenlos ist. Drinnen in den Sälen dagegen oft zu dunkel, das Licht wechselt ständig zwischen den Bereichen – man kommt kaum dazu, sich einzustellen bevor schon wieder eine andere Situation ansteht. Doch genau das macht auch den Reiz aus – bei perfekten Verhältnissen ist es einfacher aber auch auf gewisse Weise langweiliger. Die Mischung macht es aus.

Und beide Male gehe ich durch die Flure und Räume und denke mir jedes Mal, hier müsste man eigentlich mal separat ein Shooting organisieren. Es gibt sehr viele interessante Spots. Vielleicht klappt das ja irgendwann mal.

Etwas ist mir dieses Jahr besonders klar geworden: Bei so einem Event zählt oft Geschwindigkeit mehr als das perfekte Bild. Wer als erster ein brauchbares Foto liefert, hat einfach bessere Chancen, dass es auch verwendet wird. Das hab ich diesmal versucht mitzudenken, ohne dabei die Ruhe für die Backstage-Momente zu verlieren.

2025 kamen rund 8.000 Bilder über zwei Tage zusammen, dieses Jahr an einem einzigen Tag deutlich weniger. Weniger Aufwand danach, aber genauso viel gelernt, nur an anderer Stelle. Nicht bei der Kameratechnik, sondern eher beim Umgang mit der Situation selbst: wann sich Warten lohnt, wann Weiterziehen die bessere Wahl ist.

Von Mode verstehe ich noch immer nicht besonders viel. Aber darum ging es eigentlich nie.

MUCFW 26

Model in bedrucktem Bodysuit wirft einen Kussmund in die Kamera, hält eine Haarsträhne, im Hintergrund weitere Models in Graffiti-Prints.
Model in modernem Dirndl von Safaa mit gemustertem Mieder, weißer Puffärmelbluse und senffarbenem Rock mit Schleife läuft über den Außen-Runway, Publikum sitzt beidseitig am Laufsteg.
Porträt eines älteren Mannes backstage mit zurückgegelten Haaren, in bedruckter Jacke mit Grafik-Print von PIa Bolte