Street, Portrait, People, Workshops, Podcast

David Nienhaus fotografiert Menschen – auf der Straße, bei Veranstaltungen, in Momenten, die andere übersehen. Die Kamera begleitet ihn, seit er denken kann. Seine Heimat ist das Ruhrgebiet – seine Geschichten in Wort und Bild gehen aber weit über die Region hinaus. Mit Workshops und einem eigenen Podcast gibt er sein Wissen und seine Leidenschaft weiter.

Q Du sagst, du denkst schon immer in Fotos und Frames. Gab es trotzdem einen Moment, wo aus dem Denken ein echtes Tun wurde – wo du gemerkt hast: das ist mehr als ein Hobby?

„Schon immer“ ist vielleicht nicht ganz richtig, denn fotografieren ist ja etwas, was wir ständig üben müssen, unsere Augen und unseren Blick schulen und herausfordern, lernen, Licht zu lesen, Farben und Farbspiele wahrzunehmen. Aber ja, ich lerne Fotografie schon sehr lange und freue mich immer wieder über Entwicklungen, die ich bei mir feststelle und dich ich dann auch gerne in meinen Workshops weitergebe.

In meinem Freundeskreis war ich immer schon „der mit der Kamera“ - egal ob analog oder digital oder z.B. auch mal einem Camcorder. Für mich war es immer wertvoll, Momente festzuhalten, besonderen Augenblicken eine Ewigkeit zu geben. Und wann wurde es mehr als ein Hobby? Als ich gemerkt habe, dass es für mich mein Yoga ist, meine Möglichkeit, abzuschalten, runterzukommen, in dem Moment zu verweilen. Als die ersten bezahlten Aufträge reinkamen, die ersten Anfragen kamen, dass Leute mich wegen meines „Storytellings“ und Looks buchen wollten, da wurde es dann auf dem Papier mehr als ein Hobby. So oder so ist Fotografie aber für mich etwas, was ich brauche, um glücklich zu sein.

Q Du kommst aus dem Journalismus. Verändert das den Blick durch den Sucher – siehst du Momente anders als jemand der "nur" fotografiert?

Das kann ich schwer beantworten. Ich glaube nicht, dass das eine besser, schlechter oder anders ist. Was ich aber sagen kann ist, dass mir persönlich der Journalismus, also das Geschichtenerzählen, dabei geholfen hat, Fotos ganzheitlich zu denken, Bilder eine Geschichte erzählen zu lassen. Im Prinzip von der Reportage und Dokumentation her zu denken und auf Details zu achten.

Q Deshalb nennst du dich „Geschichtenerzähler,“ nicht Fotograf. Was ist der Unterschied für dich in der Praxis?

Auch wenn der Begriff „Fotograf/Fotografin“ eigentlich nicht geschützt ist, so habe ich doch großen Respekt vor all den Kolleg*innen, die Fotografie studiert, eine Ausbildung oder eine Assistenz gemacht haben. Ihnen gebührt die Bezeichnung. Das ist jetzt vielleicht ein bisschen korinthenkackerisch oder Wortklauberei, oder? Wie dem auch sei. Ich mag das Wort „Geschichtenerzähler“, weil es all das, was ich bin, was ich gelernt habe und auch was ich mitbringe in meine Jobs, wunderschön zusammenfasst. Ein Geschichtenerzähler nimmt dich an die Hand in eine andere Welt, in einen besonderen Moment, in etwas, das im besten Fall sogar in Erinnerung bleibt.

David Nienhaus alias ruhrpoet looking on his camera during a photography workshop in Munich
Wenn der ruhrpoet den Süden besucht: David bei einem Workshop in München.

Q Street, Portraits, People – du arbeitest immer mit Menschen. Was passiert in dem Moment wo du jemanden fragst, ob du ihn fotografieren darfst – oder wenn du es nicht fragst?

Diese Frage kommt immer auch in meinen Workshops, die ich untere anderem für Voigtländer gebe. Vorab: Ich liebe es, Menschen zu fotografieren. Egal ob in der Streetphotography oder als Portrait. Sie machen für mich die Geschichte aus, sie erwecken für mich Fotos zum Leben. Aber, und da sind wir wieder im Bereich „Geschichtenerzählen“: Der Vorteil von der dokumentarischen Fotografie ist es, dass ich nicht nur die Menschen fotografiere, sondern auch die Szenen und Umgebungen, wo sie sich befinden und die Details, die für die Geschichte wichtig sind - oder die die Geschichte unterstützen.

In dem Moment, wo ich Menschen auf der Straße anspreche, verändert sich die Geschichte. Dann wird aus Streetphotography plötzlich ein Street-Portrait. Der Moment ist nicht mehr authentisch, sondern gestellt - das heißt nicht, dass es nicht auch magisch sein kann. Es ist aber anders. Deshalb wäge ich immer ab: Muss die Szene, die Geschichte authentisch bleiben, sodass ich die Person erst nach dem Foto anspreche? Oder erschaffen wir einen neuen, aber anderen authentischen Moment?

Q Analog und digital – Du machst beides bewusst. Was kann analog, was digital nicht kann und umgekehrt?

Ach, analoge Fotografie… Ich mache es viel zu selten. Ich weiß auch nicht warum. Ich habe bei den meisten Jobs immer mindestens eine analoge Point-and-Shoot-Kamera dabei. Aber nicht selten bleibt sie einfach in der Tasche. Es ist vielleicht wie mit dem ganzen anderen Equipment, das ich habe: Es reißt mich aus der Situation, wenn ich gerade im Flow bin. Aber ja, für dieses Jahr habe ich mir vorgenommen, wieder mehr analog zu schießen und ich weiß jetzt schon, dass ich auch wieder mit dem Entwickeln starten will. Analoge Fotografie hat auf jeden Fall etwas Entschleunigendes.

Q Du bist der Ruhrpoet – die Region steckt im Namen. Was macht das Ruhrgebiet fotografisch so besonders für dich?

Die Menschen! Ich liebe die Menschen im Ruhrgebiet, ihre Geschichte und Geschichten. Hier ist es so divers, so offen, so nah und echt. Und diese Menschen in dem unglaublich facettenreichen, spannenden Raum zu begleiten, ist einfach nur wundervoll. Jetzt haue ich mal auf die Kacke (lacht): Das Ruhrgebiet ist New York, Istanbul und Toskana – aber, und das ist mir super wichtig – mit eigenem Charakter. Ich bin großer Fan der Industriekultur im Ruhrgebiet, dass alte Zechen und große Hallen kulturelle Begegnungsorte oder Freizeiträume sind, dass Halden zu Landmarken werden und zwischen Natur und urbanen Orten so viel Platz für Kreativität ist.

„Through the Window — Accra in Motion / Inside the Heartwork — Healing in Accra" - das Fotobuch von David Nienhaus.
Das Fotobuch, das aus der Reise nach Ghana entstanden ist. ©David Nienhaus

Q Du gibst Wissen weiter – ich war selbst bei einem deiner Workshops. Was lernst du dabei selbst noch?

Super viel. Ich möchte jeden Tag lernen und versuche nicht immer nur Wissen zu teilen, sondern Kreativität und Perspektiven gemeinsam zu erarbeiten in den Workshops. So unterschiedlich die Menschen sind, so unterschiedlich ist Fotografie. Wir nehmen die Welt alle ein bisschen anders wahr, sehen andere Dinge und fokussieren uns im wahrsten Sinne des Wortes auf andere Bereiche. Ich finde es großartig, wenn ich aus einem Workshop mit frischen Gedanken und Ideen komme. Die schreibe ich mir dann immer gleich in mein Notizbuch auf.

Q Welches Bild hat dich am meisten gekostet – emotional, nicht technisch?

Da gab es zuletzt viele. Ich durfte Ende vergangenen Jahres die „Gerald Asamoah Stiftung für herzkranke Kinder“ nach Accra (Ghana) begleiten und, auch wenn ich gut vorbereitet war auf die Reise und das, was mich dort erwartet hat, war alles noch mal intensiver, emotionaler, näher. Ich durfte die Operationen am offenen Herzen auf der Intensivstation miterleben und fotografieren. Da liegt ein acht Monate junges Mädchen, drumherum sechs Ärzt*innen und viele weitere Menschen, die mit ihrer Arbeit diesem kleinen Knirps ein Leben schenken.

Ich bin sehr dankbar, dass ich das erleben durfte und richtig glücklich, dass ich mit meinem Fotobuch „Through the window – Accra in Motion / Inside the Heartwork – Healing in Accra“ etwas zurückgeben durfte. Wir haben mittlerweile die zweite Auflage davon gedruckt.

Anfang Mai hatten wir eine wunderschöne Vernissage in der Bochumer Pauluskirche, zu der wirklich viele Freunde und Bekannte, viele interessierte Menschen kamen. Das hat mich sehr berührt. Falls jemand von euch Interesse an dem Buch habt: Ich habe noch ein paar wenige Exemplare, die ich gegen eine Spende für die „Gerald Asamoah Stiftung“ abgeben würde.

Ein Geschichtenerzähler nimmt dich an die Hand in eine andere Welt, in einen besonderen Moment, in etwas, das im besten Fall sogar in Erinnerung bleibt.
David Nienhaus

Q Welches Foto – von dir oder von jemand anderem – hat dich zuletzt wirklich getroffen, und warum?

Boah, da brauche ich gar nicht lange zu überlegen. Es ist ein Foto, das nicht ich geschossen habe, aber bei dem ich als „Head of Social Media“ im Einsatz war. Es war bei der Socca-WM in Essen 2023, die Ukraine war eine teilnehmende Mannschaft und nach einem Spiel hat einer der Spieler seine Tochter auf der Tribüne glücklich umarmt und geküsst. Basti Sevastos hat das Bild gemacht und hinter diesem Foto steckte so viel Geschichte, Emotion, Liebe und Tragik – das war uns auf dem ersten Blick gar nicht bewusst.

Wir haben den Spieler später als Teil eines Films interviewt und ich bin nach dem Gespräch erstmal heulend zusammengebrochen. Das hat mich viel Kraft gekostet, diesen Schmerz, aber auch dieses Glück spüre ich bis heute. Hört euch dazu gerne auch mal die Podcast-Folge 85 meines „What’s the Story – der Fotografie-Podcast“ mit Bastian und mir an.

Q Was sollen Menschen fühlen, wenn sie deine Arbeit sehen?

Neugierde finde ich schön. Emotionen natürlich auch – aber nicht jedes Foto, nicht jede Serie löst immer irgendwelche Emotionen aus, so ehrlich müssen wir schon auch sein. Aber wenn Leute bei meinen Fotos verweilen, neugierig sind auf die Geschichte dahinter, den Menschen, das Licht, dann finde ich das schön. Und die Menschen, die ich fotografiere, sollen sich gesehen fühlen. Das schönste Kompliment, das ich mal nach einem Fotoshooting hatte, war, dass das Model Tränen in den Augen hatte und gesagt hat, er habe sich noch nie so sehr gesehen gefühlt. Da bekomme ich bis heute Gänsehaut.

Gerald Asamoah und David Nienhaus bei der Vernissage der Ausstellung "Through the Window" in der Pauluskirche Bochum
Vernissage der Ausstellung "Through the Window" in der Pauluskirche Bochum. ©David Nienhaus